Durch ein weit geöffnetes Jaguarmaul stiegen die Olmeken in ihre kultischen Höhlen, zum „Schoß der Erde“ hinab. Sie sind das älteste Volk des mexikanischen Hochlands, das man kennt. Das kolossale Felsrelief, das einst den Höhleneingang markiert hat, steht am Anfang einer „Reise“ durch die vergangenen Kulturen Mittelamerikas.

Was Cortez bei der Eroberung Mexikos an Kunstschätzen vorfand, was dem Auge der Spanier verborgen oder durch die Sammelfreudigkeit europäischer Fürsten erhalten blieb, kann zur Zeit in Hildesheim bewundert werden. Das Roemer- und Pelizaeus-Museum, dank seines engagierten Direktors Arne Eggebrecht und seiner inzwischen weit gerühmten Ausstellungen, wird wieder einmal zum Wallfahrtsort für die Kunstbegeisterten.

Was sonst über Museen der Länder und Kontinente verstreut ist, kann hier durch Gegenüberstellung neu gesehen und begriffen werden. Exponate aus dreiundreißig Museen der Welt sind zusammengetragen worden, die, zusammen mit den „Vorläufern“ der aztekischen Kultur, vom zweiten Jahrtausend v. Chr. bis zur Blüte Alt-Mexikos im 16. Jahrhundert reichen. Für den deutschen Betrachter sind besonders die spektakulären Funde aus dem Templo Mayor interessant. Der Große Tempel, einst Doppelheiligtum des Regengotts Tlaloc und des Kriegsgotts Huitzilopochtli, erhob sich im Zentrum der aztekischen Metropole Tenochtitlan (heute Mexiko-Stadt), das Zeitgenossen von Cortez mit Konstantinopel und Rom verglichen haben. Durch Zufall entdeckten 1976 Arbeiter der Elektrizitätsgesellschaft einen riesigen Steinblock, der den Hinweis auf den von den Spaniern zerstörten Tempel gab. Aus den verschütteten Opferdepots konnten Götterstatuen, kultische Geräte – kostbar verzierte Opfermesser und Schmuckelemente, Maskenbilder und Keramiken – geborgen werden. Zu den schönsten dieser Funde gehört auch die Nachbildung einer Riesenschnecke in Stein. Das Gehäuse von fast einem Meter Länge bringt durch seine klare, die ganze Fläche einbeziehende Linienstruktur, die in weichen Wellen durch den körnigen Stein zu fallen scheint, zugleich das weiche Innere und die harte Schale zum Ausdruck. Verblaßte Reste blauer Bemalung deuten auf Tlaloc, einen der wichtigsten und ältesten Götter, der über das Gelingen einer guten Ernte entschied. Wahrscheinlich war die Schnecke ein Fruchtbarkeitssymbol, denn auf Schneckenhörnern wurde auch zum Ritual geblasen.

Ebenfalls in Hildesheim zu sehen sind die steinernen Nachbildungen der Requisiten für das Ballspiel. In den Tempelanlagen fand das Spiel um Leben oder Tod statt, das die Conquistadores zum Anlaß blutrünstiger Phantasien und forcierter „Strafexpeditionen“ gegen die Barbaren nahmen. Um sich gegen den schweren Kautschukball zu schützen, der nur mit dem Rumpf berührt werden durfte, trugen die Spieler dicke Polster aus Baumwolle oder Leder. Man nimmt an – viele Fragen über Verwendungszweck und Datierung der altmexikanischen Funde sind noch offen – daß es sich bei den steinernen Jochen und Palmas um Grabbeigaben für geopferte Spieler handelt. Hinter dem Ballspiel steht die Vorstellung, daß die Sonne bei ihrer nächtlichen Wanderung durch das Totenreich an Lebenskraft verliert und mit Menschenblut „gestärkt“ werden muß. Am Anfang der Welt hatten sich die Götter selbst geopfert, danach war es die Aufgabe der Menschen, das Fortbestehen der Welt zu sichern. Der Tod als lebenserhaltende Kraft – dieser Glaube prägte das kultische wie politische Selbstverständnis der Azteken. Den Opfertod zu sterben, auch der Tod im Kampf oder Kindbett, galt als ehrenhaft.

Ein anderer Höhepunkt ist der Goldschmuck, nicht allein wegen seiner großen handwerklichen Qualität, sondern auch, weil er nur in wenigen Exemplaren erhalten ist. Cortez hatte die reiche Beute seiner Eroberungszüge noch an Ort und Stelle einschmelzen lassen und in Barrenform nach Europa transportieren lassen. So gehören die goldenen Mundpflöcke (ein Schmuckstück, das durch die Unterlippe getragen wurde) in Gestalt von Adlerköpfen, die Halsketten mit zierlichen Schildkrötenpanzern und Ohrgehänge in Muschelform zu den raren und wertvollen Besitztümern der Museen.

Von den Anfängen des alten Mexikos der Olmeken, deren Einfluß sich auch in späteren Epochen immer wieder zu erkennen gibt, bis zur Blüte des aztekischen Reiches reicht der historische Überblick, und der Besucher kann beim Gang durch die Jahrtausende vom Fremden zum Freund dieser versunkenen Kulturen werden.

Wie lebendig die Toten und der Totenkult noch heute in Mexiko sind, zeigt eine Ausstellung im Übersee-Museum in Bremen. Durch Bestandsaufnahme direkt am Ort ist es gelungen, einen Abglanz der Totenfeste, die bis auf die Azteken zurückgehen, in unsere Breiten zu vermitteln. Wenige alte Stücke, darunter die mit Steinmosaik belegte Holzskulptur von Tlaloc, Regengott und Herrscher des dritten Totenreiches, dokumentieren die ununterbrochene Tradition der Totenrituale. Früher waren gelb bemalte Hundefiguren aus Ton als Grabbeigaben üblich, heute weisen gelbe Tagetis dem Verstorbenen einmal im Jahr den Weg zu seiner Familie zurück.