ARD, Dienstag, 22. Juli: ‚... aufgewachsen im Grunewald. Berlin 1933 bis 1943“, Film von Hagen Mueller-Stahl

Man kann ja froh sein, wenn man kein Personal hat, zumal als Fernsehkritiker. Es zwänge einen zu „eiserner Ordnung“, erfahre ich aus einem Fernsehfilm von Hagen Mueller-Stahl. Hätte man wieder einmal einer Spätsendung beigewohnt wie dieser über das Buch von Nicolaus Sombart, „Jugend in Berlin 1933-1943“, müßte man am Morgen danach trotzdem früh aus dem Schlafzimmer heraus: „weil ja das Personal dann hinein muß“. Nicht zum Schlafen, nein, nein, zum Putzen, nicht wahr. Ein Personal wäre keine Erleichterung.

Nicolaus Sombart ist der Sohn eines berühmten Vaters, des wilhelminischen Nationalökonomen Werner Sombart. Seine Mutter führte in der Grunewald-Villa, in der die Familie wohnte, einen Salon für Künstler und Diplomaten, Personal inclusive. Sergiu Celibidache konnte es bestätigen. Er erinnerte sich an Zeremonien bei Tisch. Salon und Bibliothek, gestand Herr Sombart junior, seien die Pole dieses Lebens gewesen, und der Regisseur, Herr Mueller-Stahl, setzte uns unterdessen ein Herrenhaus nach dem anderen vor die Nase, jede Menge Villen – Grunewald, das war Sombarts politische Enklave, wo er, gegeißelt von den Frühaufstehern unter dem Personal seiner Eltern, den Nationalsozialismus fast versäumt hätte. Im Grunewald lebte man bei Professors „in Kontrast zu dem, was geschah“, in einer „verzauberten Atmosphäre“. Erst bei Flaggenparaden und der Lehrplanumstellang in der Schule habe er bemerkt, „was da für ein neuer Geist herrscht“. Wenn Herr Sombart erzählt, hört man noch heute das Tafelsilber klappern.

Hagen Mueller-Stahl hat sich Sombart gegenüber eher verhalten wie ein Gast in einem guten Haus: manierlich. Sombart nennt sein Buch einen Bericht. Dies war nur ein weiterer Bericht darüber, ergänzt durch Interviews mit früheren Nachbarn der Familie wie Heinrich Graf v. Einsiedel.

Man sah Soulband spazierengehen und in seinem Sofa versinken, hörte ihn pathetisch plaudern und sich selber zitieren. Dabei erlebte man den Unpolitischen und nach seiner Beichte unverändert, als Unverbesserlichen, Noch immer konnte er seinen Stolz über die politische Enklave von damals nicht verbergen, obwohl man dort die Nazis vor allem nicht mochte, weil sie Proleten waren. Aber der Autor des Films, Hagen Mueller-Stahl, war durch nichts zu provozieren. Brav durchschritt er das großbürgerliche Mausoleum in seiner gesamten Ausdehnung. Hätte er sich doch für eine Polemik statt für eine Dokumentation entschieden! Das Buch gibt es schließlich schon seit Jahren.

Ich hätte früh aufgegeben, wäre nicht ab und zu ein spannender Einwurf aus dem Off gekommen, wie der von Celibidache: Man habe in Frau Sombarts Salon das Bürgertum einfach solange schützen und weitertreiben wollen, wie es eben möglich war – ohne sich weiter umzusehen. Zweckoptimisten, die die Katastrophe nicht sehen wollten. Ja, wenn dieser Sombart uns so nahe ist, hätte man sich erst recht einen leidenschaftlicheren Film gewünscht.

Ermüdet schleppe ich mich zum Fernsehapparat, um auszuschalten. Personal, denke ich, einfach so ein kleiner Diener, das war’s schließlich. Helmut Schödel