Diese Geschichten liest man nicht, man trinkt sie“, sagte Paul Valéry über die Legenden aus Guatemala von Miguel Angel Asturias. Indianische Mythen und Legenden der Konquistadore, Magie und Realität vermengen sich zu einem Amalgam, das Elemente uralter Dichtung, Traum und Wirklichkeit zu Literatur verschmilzt, die man „Magischen Realismus“ genannt hat.

Asturias, der das heilige Buch der Maya, Popol Vuh, ins Spanische übersetzt hat, kennt sich in alten Bildern aus: Traumwelt und Tageswelt sind vertauschbar. Alle Dinge der Welt sind beseelt: Pflanzen, Tiere, Menschen. Aus dem Mann wird ein Gürteltier. Aus dem Dachs, Geist-Tier der Ixmucane, ein Mensch. Asturias, Märchenerzähler, Ethnologe, der vor zwanzig Jahren als erster Lateinamerikaner den Literaturnobelpreis erhielt, sagt über sein Land Guatemala: „Alles – Menschen, Landschaften, Dinge – schwebt in einem surrealistischen Klima, in närrisch nebeneinander gestellten Bildern.“

Die Legende vom Schatz am Blütenort ist nur eine der faszinierenden, bizarren Erzählungen aus der Sammlung lateinamerikanischer Dichtung, die jetzt in einem Taschenbuch vorliegt, das Texte von dreizehn Schriftstellern versammelt –

Marco Alcantara (Hrsg.): „Unheimliche und phantastische Geschichten aus Lateinamerika“; Deutscher Taschenbuch Verlag, München; S., 9,80 DM.

Ausgewählt hat sie der Peruaner Marco Alcantara; die biographischen Anmerkungen und literarhistorischen Anmerkungen stammen von Gudrun Leisentritt. Für eine erste Begegnung mit lateinamerikanischer Dichtung, die besonders unter jungen Lesern immer noch wenig bekannt ist, erscheint das als eine kluge Orientierungshilfe. Gute Leser, sagt der Argentinier Jorge Luis Borges, seien noch seltenere Vögel als gute Autoren.

Der Deutsche Taschenbuch Verlag hat Borges beim Wort genommen: Das kleine Kompendium aufregend schöner, geheimnisvoller, phantastischer und unheimlicher Texte gibt dem Leser Hinweise zum Verständnis, ohne die Leser-Imagination zu gängeln, zu irritieren.

Von Julio Cortázar bis Horacio Quiroga sind Stücke versammelt, die einen Begriff vom Bilderreichtum, der sinnlichen Pracht, Vitalität, Phantastik und Trauer südamerikanischer Erzähler geben. Fuentes düstere Geschichte der Puppenprinzessin, die als sentimental schöne Erinnerung an das Kindmädchen Amilamia beginnt und so teuflisch endet wie eine schwarze Edgar-Allan-Poe-Phantasie. Medinas spannende Erzählung vom Iren Godfrey, der das Gesicht des Apu sehen will und fast zu Tode kommt. Ob es die Huacas sind, jene magischen Orte, die von den Indios verehrt werden oder Voodoo-Zeremonien, deren Zauber Alejo Carpentier erfahren hat, der erlebte wunderbare Wirklichkeit in Sprache faßt – sämtliche Erzählungen spiegeln den Zauber einer mythischen Beziehung zwischen Mensch und Natur. Gabriel García Márquez findet sich in dieser Sammlung neben João Guimarães Rosa mit der dunklen Geschichte eines Vaters, der Frau und Kinder verläßt und den Rest seines Lebens in einem Kanu aus Vonhatico-Holz zwischen den Ufern des Flusses verbringt: ein stumm Besessener. Nur mit einem alten Hut auf dem Kopf verbringt er Tage, Nächte, bei sengender Sonne oder sintflutartigen Regengüssen auf der Mitte des Flusses und spricht mit keiner Menschenseele. Flucht eines stillen Wahnsinnigen vor seiner Wirklichkeit; die manische Sehnsucht nach dem Alleinsein gibt er weiter an den Sohn.