Von Ulrich Schiller

Washington, Ende Juli

Gezügelter Optimismus herrscht im Weißen Haus: Daß der sowjetische Parteichef Gorbatschow noch in diesem Jahr nach Washington kommt, wahrscheinlich im Dezember, gilt nun als so gut wie sicher. Schließlich hat er seine in Genf gegebene Zusage für 1986 nie zurückgezogen, auch wenn er soeben in Wladiwostok wieder Bedingungen nannte. Die Außenminister Shultz und Schewardnadse werden Mitte September in Washington, vielleicht anschließend weiter in New York, das Fundament für das Gipfeltreffen legen. Eine umfassende Bestandsaufnahme der Aufgaben und Probleme in den globalen und bilateralen Beziehungen haben dieser Tage ein sowjetisches Team unter Alexander Bessmertnych, einer der stellvertretenden sowjetischen Außenminister, und die Experten des State Department besorgt. Im Dialog der Großmächte zeichnet sich wieder eine Struktur ab.

Zufriedenheit läßt die Regierung aber auch hinsichtlich der eigenen Strategie und der langfristigen Entwicklungstendenzen erkennen. Geduld sei immer die größte Tugend im Umgang mit den Sowjets gewesen, und seit anderthalb Jahren beobachte man eine deutliche Veränderung in der sowjetischen Haltung: Moskaus Bereitschaft zu Verhandlungen sei zweifellos gewachsen – etwa bei der Frage der nuklearen Mittelstreckenwaffen (INF). Anfangs habe die Sowjetunion überhaupt nicht verhandeln wollen; heute sei man sich einig über das Ziel, diese Waffen zu beseitigen, es gehe "nur" noch um den Weg dahin.

Washington macht sich große Hoffnungen, eine Entwicklung in Gang gebracht zu haben, die in einem viel größeren und schwierigeren Komplex zu ähnlichen Wandlungen und Denkprozessen auf sowjetischer Seite führen soll – der schrittweisen Hinnahme strategischer Abwehrwaffen im Weltraum. Paul Nitze hat es den "kooperativen Weg" zur Einführung defensiver Waffen genannt. Das Antwortschreiben Präsident Reagans an Parteisekretär Gorbatschow, abgeschickt am vergangenen Freitag, soll dem erhofften Denkprozeß einen kräftigen Anstoß geben. Doch wird es diese Wirkung auch haben? Die Frage ist in Washington so umstritten, wie die Genesis des ganzen Briefes kompliziert war. Mutmaßungen über die Reaktionen Gorbatschows sind schwierig, da der Inhalt des Reagan-Schreibens – im Gegensatz zu aller Tradition der geschwätzigen Hauptstadt und des undichten Regierungsapparates – bisher nur bruchstückweise und in groben Zügen bekannt geworden ist.

Das Exposé des Schreibens war von Gorbatschow gewissermaßen vorgegeben. Auch das ist neu, wie Strobe Talbott, der Abrüstungsexperte des Nachrichtenmagazins Time beobachtet. Denn bislang machten immer die Vereinigten Staaten die Vorschläge, und die Sowjetunion reagierte darauf. Gorbatschow hat mit der Flut seiner Rüstungskontroll-Initiativen die Rollen verkehrt. Er bot am 23. Juni in seinem Brief an Reagan den großen strategischen Ausgleich an: Abbau der Offensivwaffen (um 30 Prozent) gegen Beschränkung des SDI-Projekts auf reine Laborforschung. Eine Verlängerung des ABM-Vertrages von 1972, der Entwicklung, Erprobung und Stationierung eines raumgestützten Raketenabwehrsystems verbietet, um 15 bis 20 Jahre – damit sollte Reagans Plan eines Antiraketen-Schirms vereitelt werden.

Der Präsident hält an seiner ursprünglichen SDI-Vision fest, weil er nach wie vor von ihrer Realisierbarkeit überzeugt ist. Das bestätigen alle seine Ratgeber. Auch Gorbatschow muß das wissen, und deshalb stellt man im Weißen Haus die Frage, was der Parteichef im Unterschied zu seinen öffentlichen Forderungen und Vorschlägen nun wirklich denkt, was er selbst im Bereich der Defensivwaffen plant über seine Absicht hinaus, die amerikanischen zu verhindern, weil sie das politische Druckpotential seiner Raketenarsenale entwerten könnten. Antworten darauf würden sich nur in Verhandlungen finden lassen. Heißt das, auch SDI kommt auf den Verhandlungstisch?