Der Abrüstungsdialog belebt sich

Von Theo Sommer

Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion haben zusammen rund 50 000 Atomwaffen in ihren Zeughäusern, darunter 22 000 Sprengköpfe strategischer Reichweite. Die Frage ist: Wird dieses aberwitzige Arsenal der Vernichtung wider alle Vernunft noch weiter aufgestockt, oder können sich die beiden Supermächte endlich darauf einigen, es Schritt für Schritt abzubauen?

Über Rüstungskontrolle und Abrüstung reden Washington und Moskau seit vierzig Jahren. Viel ist dabei bislang nicht herausgekommen. Das Atomteststoppabkommen von 1963, der Vertrag über eine Beschränkung der Raketenabwehr von 1972 (ABM), die beiden Salt-Verträge von 1972 und 1979 – so nützlich auch die Schranken waren, die sie dem atomaren Wettrüsten setzten, so unvollkommen, vor allem jedoch: so zerbrechlich sind sie stets gewesen. Immer wieder wurden sie von der rasant fortschreitenden Rüstungstechnik unterlaufen, und immer wieder verhedderte sich der Faden des Abrüstungsdialogs im Unterholz der Ost-West-Politik. Der sowjetische Einfall in Afghanistan machte die Ratifizierungschancen für Salt II im amerikanischen Senat zunichte. Zwar haben sich die beiden Großmächte bisher an den nichtratifizierten Vertrag gehalten, doch dessen verabredete Dauer läuft aus, und Washingtons Falken haben Ronald Reagan gedrängt, ihm Ende dieses Jahres endgültig den Rücken zu kehren.

Seit dem Tage, an dem vor sieben Jahren im Redoutensaal der Wiener Hofburg Jimmy Carter und Leonid Breschnjew das zweite Salt-Abkommen unterschrieben, hat sich der Abrüstungskarren nur noch ächzend fortbewegt. Bald verweigerte sich Washington dem Dialog, bald Moskau; die Unbeugsamen an der Moskwa wie die am Potomac fielen immer wieder den Diplomaten in den Arm. Erst seit ein paar Monaten ist dies anders geworden. Reagan wie Gorbatschow haben den großartigen utopischen Entwürfen für eine Welt ohne nukleare Waffen detailliertere, mehr auf die Wirklichkeit bezogene Vorschläge nachgeschoben. Das Gespräch der Großen ist in vollem Gange.

Wohl gibt es im Umkreis des amerikanischen Präsidenten viele, die alle Verhandlungen mit den Sowjets ablehnen, weil sie im Grunde keine Abmachungen mit den Sowjets wollen – sei es, daß sie dem großen weltpolitischen Widerpart nicht über den Weg trauen, sei es, daß sie Amerika zutrauen, die Sowjets niederzurüsten. Diese Richtung squeezers nennt sie Arnold Horelick, der Sowjetexperte der Rand Corporation, "Quetscher" also, die darauf aus sind, die Sowjets in den Schwitzkasten zu nehmen – widersetzt sich vor allen Dingen jeglicher Einschränkung des amerikanischen SDI-Vorhabens. Das Star Wars-Programm ist in ihren Augen ein Druckmittel, um die Sowjets kleinzukriegen.

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