Seit der Öffnung zum Kapitalismus nimmt die Zahl der Wirtschaftsverbrechen ständig ZU

Von Burkhard Kieker

Die Geschäfte des Herrn Wang Yemin liefen glänzend. Immer wenn japanische Farbfernseher – von Deng Xiaopings Wirtschaftsreformern gegen wertvolle Devisen importiert – mal wieder in ganz Peking ausverkauft waren, wußte Herr Wang Rat. Bei gerösteter Ente oder mongolischem Feuertopf in Pekings Nobelrestaurants schloß der wendige Geschäftsmann seine Verträge mit den Einkäufern der staatlichen Kaufhäuser. Mal standen 2000, mal 10 000 Farbfernseher auf dem Kontrakt. Woher er die begehrten Geräte beziehe, hatte Herr Wang auch durchblicken lassen: Er habe „guanxi“, gute Beziehungen nach oben, ein Zauberwort in China. Über 60 000 japanische Farbgeräte versprach er zu liefern.

Nachdem Anzahlungen in Höhe von umgerechnet 2,4 Millionen Mark auf seinem Konto eingegangen waren, beschloß Herr Wang, fortan auch „in Getreide zu machen“. Und auch dabei bewies er eine glückliche Hand. Ausgestattet mit einer staatlichen Exportlizenz sagte er chinesischen Bauern den Verkauf von 500 000 Tonnen Getreide ins Ausland zu. Wiederum gingen rund eine Million

Mark an Provisionen ein. Doch dann beendete die Pekinger Polizei die Glückssträhne des agilen Geschäftsmannes.

Das Handelshaus des Herrn Wang bestand im wesentlichen aus einer aufwendigen Visitenkarte und einer Briefkastenadresse nach bewährtem Liechtensteiner Muster. Nur die Exportlizenz war echt: Staatsbeamte hatten sie gegen ein stattliches Schmiergeld ausgestellt.

Wie ein Steppenbrand