Zwölftausend Jahre alt ist die älteste Bindung zweier Arten aneinander. Es gibt Theorien, die zwanzigtausend Jahre für realistisch halten: So lange also gibt es die Sozialisation des Wolfsabkömmlings Hund in der Gemeinschaft der Menschen. Unzählige Bücher sind darüber geschrieben worden. Dumme, weniger dumme und kluge. Der Hund wurde verlästert, geliebt, verteufelt und in den Himmel gehoben. Er hat gute und schlechte Zeiten innerhalb der menschlichen Gesellschaft erlebt und überlebt: Knechtschaft und Brutalität hat er erduldet. Und wenn man ihn aus der menschlichen Gemeinschaft verjagte, hat er nicht abgelassen von immer neuen Versuchen, wieder aufgenommen zu werden. Weil er nicht mehr anders kann; er ist ein Teil unseres Lebens geworden. Die englische Autorin –

Helen Griffiths: „Rafa und der schwarze Hund“, aus dem Englischen von Fred Schmitz; Verlag Benzinger, Zürich, Köln; 158 S., 18,80 DM –

hat eine Geschichte darüber geschrieben. Der elfjährige Rafa und seine kleine Schwester werden aus ihrem kleinbürgerlichen Milieu von Madrid aufs Land gebracht. Der Vater, ein kleiner, hart malochender Kellner, ist dort geboren, und das ärmliche Kaff hat mit den Jahren paradiesische Qualitäten für ihn angenommen. Madrid – gewiß, man ist Großstädter inzwischen, und die Leutchen aus der Heimat ahnen nicht einmal, was für Erfahrungen man machen konnte und mußte! Aber das einfache spanische Landleben voller Gesundheit, glücklich, wer da sein Geld verdienen kann wie der Bruder, erfolgreicher Bauer, dem es auf zwei Esser mehr oder weniger nicht ankommt. Rafas Mutter soll ihr drittes Kind in Madrid zur Welt bringen. Der Schwager und seine Frau werden die beiden Blaßschnäbel aus der großen Stadt inzwischen gut versorgen.

Rafa hat es schwer, sich einzuleben. Die Dorfkinder haben ihre geschlossenen Cliquen, und er bleibt draußen. Total ausgeschlossen ist auch Moro. Einer jener mediterranen Bastardhunde, die durch jahrhundertelange wilde Fortpflanzung so etwas wie eine eigene Rasse geworden sind, schmale, drahtige, leichtfüßige Hunde. Nicht zufällig jagdhundartig, denn sie müssen sich ihren Lebensunterhalt erjagen und erbetteln.

Moro lebte bis vor ein paar Jahren mit einem Landstreicher zusammen. Die Leute mieden ihn. Und sie mieden Moro, mit dem er seine zerfallene Hütte teilte. Als der Unheimliche, Unheimische eines Tages verschwunden war, blieb Moro und wurde für den Vagabunden beschimpft, getreten, mit Steinen beworfen. Moro hatte gelernt, zu überleben und nicht aufgehört, um die Menschen zu werben, ohne dabei seine Haut zu riskieren. Ein „schlauer“ Hund, ein elendes Stückchen zähen Lebens. Zu stark, um zu verrecken; zu schwach, um sich von den Menschen abzuwenden, die die Gattung bezwungen, gezähmt und immer wieder verraten hatten.

Moro ist ein Menschenhund, unwiderruflich, kann nichts anderes mehr sein. Und Rafa ist – noch – ein Mensch, wie Moro ihn braucht zum Weiterleben.

Die Geschichte vom Menschen und „seinem“ Hund beginnt wieder einmal. Eine unendliche Geschichte ohne Fabelfiguren.

Helen Griffiths berichtet mit großem Scharfblick, warmem Herzen, weitab von sentimentaler Verniedlichung. Darum nimmt die einfache Erzählweise gefangen, berührt und rührt. Das Herz klopft beim Lesen und erinnert uns daran, daß wir eins haben. Solche Bücher sind selten und wichtig. Gert Haucke