Zur Zeit meiner Ankunft ist der Präsident schon da. Auf einem Photo in den Salzburger Nachrichten sieht man, wie er im Regen ein Flugzeug verläßt, hinter sich die Gattin, geduckt unter ihren Schirm. Am Nachmittag hat das Präsidentenpaar die Salzburger Festspiele eröffnet. Das österreichische Fernsehen berichtet von Protesten gegen Waldheim.

Ein Blick aus dem Fenster meines Hotelzimmers zeigt die Stadt festlich erleuchtet und ruhig. Es ist schon spät am Abend, Burg, Kirchtürme und Felswände sind in Scheinwerferlicht getaucht. Ich stelle mir vor, wie unten durch die Stadt fast lautlos die Präsidentenlimousine fährt und den Karossen des Schloßhotels Fuschl begegnet; wie Yves St. Laurent gegen Lagerfeld kämpft und der jährliche Krieg der Düfte beginnt; wie allmählich das Geklapper der Gabeln an den Pausenbüfetts der Festspielhäuser den Autolärm übertönt.

Und doch ist etwas anders an meiner Postkartenaussicht. Hoch über der Stadt, an einem Felsen des Mönchbergs, hängt ein weißes Transparent. Es ist mit dem Atomzeichen bemalt. Darüber steht „WAA“, darunter „Nie“. Dieses Transparent, das man bei jeder Anti-Atom-Demonstration und in der Oberpfalz schon in den Vorgärten findet, wirkt hier, an den Mönchbergfelsen geklebt, wie ein geflügeltes Wort von Prometheus.

Vieles an der Anti-Atomkraft-Bewegung ist jetzt schon Mythologie. Das sieht man in Salzburg deutlich. Auf dem Alten Markt, vor dem Kaffeehaus Tomasselli, ist ein Stück vom Wackersdorfer Bauzaun nachgebildet. Ein Schild, befestigt an rostigen Eisenstäben, erzählt: „Das ist der äußere Bauzaun von Wackersdorf, Maßstab 1:1. Dahinter liegt eine breite Lagerstraße, auf der die fahrbaren Wasserwerfer und Tränengaskanonen patrouillieren. Parallel dazu steht der zweite Sicherheitszaun, doppelt so stark, in Betonfundamente eingegossen...“

Um den Zaun herum auf dem Boden liegen Tannenzweige, vielleicht Mitbringsel aus dem Taxöldener Forst, wo die WAA gebaut werden soll. Die Zaundoublette in Salzburg zeigt, welchen hohen Symbolwert der Bauzaun inzwischen hat, wie mythisch er geworden ist. Man sagt schon lange nicht mehr, man sei in Wackersdorf gewesen. Es heißt: Wir waren am Zaun. Sprachgeschichtlich hat das Wort mit „dun“ zu tun, was soviel heißt wie Burg.

In Salzburg wird einem erst bewußt, wie mittelalterlich das Szenario von Wackersdorf ist. Auf einem Hügel im Wald entsteht wie eine Burg die WAA. Am Fuß des Burgbergs versorgten bei der Pfingstschlacht die Marketenderinnen die Anti-WAA-Kämpfer mit Bier und Würstchen. Dann stürmten die Ritter, Bürger und sogenannte Chaoten, in mehreren Wellen den Hügel, wo Fafner und Fasolt WAAlhall zu bauen versuchen. Ist die Burg erst fertig, beginnt der Untergang der Welt, der Götter, unser aller Ende, sagt der Mythos, der uns einzuholen droht.

Ein Stück von der Burg, ein Tramm von Zaun steht jetzt also in Salzburg. Das ist nicht nur ein Ersatzschauplatz für Demonstrantionen österreichischer Atomkraft-Gegner, die nicht mehr sicher sein können, nach Bayern einreisen zu dürfen: Es ist eine WAA-Devotionalie. Der Zaun sieht hier aus wie ein Kreuz, an das die Atomlobby die Demokratie nageln will. Wie vor einem Altar brennen an diesem Abend vor dem Zaun ewige Lichter. Sie bilden drei Großbuchstaben: WAA. Nicht nur mit politischen, auch mit liturgischen Mitteln versucht man, die Gefahr zu bannen. Hier ist der Protest bereits auf dem Weg in den Kitsch.