Vom Anti-Wackersdorf-Festival berichtet Ulrich Stock

Über Zahlen will ich nicht streiten. Ob es nun achtzigtausend waren (wie die Polizei sagt) oder hunderttausend (wie alle anderen sagen: die Veranstalter, die örtliche Presse, der Bayerische Rundfunk). Es waren so viele Menschen im kilometerweiten Rund, daß es Samstag Nacht kein Vor und Zurück mehr gab, nur noch ein sanftes Hin und Her im Takt der Musik. Sechzehn Hektar ist der Burglengenfelder Lanzenanger groß, doch vor lauter Leuten sieht man keinen Grund mehr. Und wo niemand steht, scheinbar Lücken sind, liegen die Menschen, schlafen oder lieben sich, im Körperdickicht vor Blicken geschützt.

Ein deutscher Wald, eine deutsche Burg, ein deutscher Mond, aufgegangen hoch über der Bühne, formen eine unwirkliche Kulisse.

Am Sonntag abend stehe ich in kurzer Hose und kurzärmeligem Hemd ganz vorn an den Lautsprechern. Der kühle Abend verliert sich in der Wärme der Menge. Herbert Grönemeyer haut mir „Männer“ um die Ohren. 120 000 Watt. Ich werde bewegt, bin umgeben von Schweiß. „Wir strahlen alle Radioaktivität aus“, hat Gerhard Löwenthal einmal gesagt, auf dem Festival von Günter Wallraff zitiert; „so ist es vergleichsweise gefährlicher, an einer Versammlung von Atomkraftgegnern teilzunehmen, als neben einem Kernkraftwerk zu wohnen.“

Der Staub aus der Ukraine hat sich auch in Burglengenfeld niedergeschlagen, ist der Grund, daß das „5. Anti-WAAhnsinns-Festival“ hier stattfindet, vier Dörfer von Wackersdorf entfernt, warum so populäre Musiker wie Udo Lindenberg, Wolfgang Ambros, Anne Haigis und und und gekommen sind, warum nicht nur zweitausend Leute hier waren, wie bei den ersten vier Festivals in den vergangenen Jahren.

Alle Künstler verzichten auf Gage, die Großen tragen auch die Fahrt- und Hotelkosten selbst. Die Einnahmen – über 900 000 Mark – sollen den Widerstand gegen die Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) stärken helfen und vor Gericht gestellten Demonstranten die Prozeßkosten abnehmen.

Bei diesen Strafverfahren geht es nicht um die sogenannten „Chaoten“; Baum- und Bauplatzbesetzungen werden verhandelt: Auf Nötigung, Widerstand gegen die Staatsgewalt und Teilnahme an einer nichtgenehmigten Demonstration lauten die Anklagen. 3030 Personen sind vom Beginn des letzten Jahres an bis zum Freitag vergangener Woche vorübergehend festgenommen worden. Die juristische Abwicklung wird Jahre dauern.