Von Horst Bieber

Die Plastikbombe, 450 Gramm schwer und elektrisch ferngezündet, explodierte am Freitag vergangener Woche etwa dreißig Meter vom Amtssitz des chilenischen Diktators Pinochet entfernt. Verletzt wurden 36 Personen, die nahe des Palastes auf ihre Autobusse warteten, darunter zwei Polizeibeamte – ein Anschlag unter vielen des unruhigen Monats Juli. Doch in einem Punkt unterschied sich dieses Attentat von vielen anderen: Zum ersten Mal verurteilte das Oppositionsbündnis "Demokratische Volksbewegung" (MDP) die sinnlose Gewalttat, jene MDP, in der auch die Kommunisten mitarbeiten. Und Teile der KP, organisiert in der "Patriotischen Front Manuel Rodriguez", haben bis jetzt terroristische Gewalt als legitimes Mittel zum Sturz des Pinochet-Systems verteidigt.

Ob damit der Aktivisten-Flügel der chilenischen KP auf Dauer dem Untergrundkampf abgeschworen hat, ist ungewiß. Wäre es aber so, dann hätte Pinochet eine Niederlage erlitten. Denn die Frage, ob die Opposition Gewalt gegen das Regime anwenden soll oder darf, ist einer der beiden Streitpunkte, die bislang einen Zusammenschluß aller politischen und gesellschaftlichen Gruppen zu einer Einheitsfront verhindert haben. Die große Mehrheit spricht sich gegen Gewalt aus, wohl wissend, daß Terror den Law-and-Order-Diktator in seiner Stellung nur stärken kann; gleichzeitig gesteht sie sich damit aber auch ein, daß Pinochet nicht zu stürzen ist.

Alle Hoffnungen konzentrieren sich jetzt auf das Jahr 1989. Dann läuft gemäß der 1980 eingeführten Verfassung Pinochets Amtszeit ab. Zwar kann er durchaus noch einmal für acht Jahre im Amt bleiben, aber dazu muß er von der Junta, den Befehlshabern der Teilstreitkräfte, einstimmig nominiert werden. Und im Moment sieht es ganz danach aus, als könne er an dieser Hürde stolpern – wenn die Opposition die Junta-Mitglieder davon überzeugen kann, daß nach Pinochets Abgang Chile weder im Chaos versinkt noch eine Volksfront das Allendesche Experiment der Jahre 1970 bis 1973 wiederholt.

Diesem Ziel ist die demokratische Opposition überraschend weit und schnell nähergekommen.

  • Anfang Juli organisierte die "Bürgerversammlung" einen zweitägigen Streik und bewies damit, daß dieser Zusammenschluß von Studenten, Berufsverbänden und Frauenorganisationen eine zweite, ernstzunehmende Kraft bei der Förderung des "zivilen Ungehorsams" geworden ist.
  • Die Verhaftung der "Bürgerversammlungs"-Leiter forderte die katholische Kirche zu einer Solidaritätserklärung heraus, die an eindeutiger Stellungnahme gegen das Regime nichts zu wünschen übrig ließ.
  • Der Versuch ziviler Berater Pinochets, einen Keil zwischen die (überparteiliche) "Bürgerversammlung" und die Bündnisse der (offiziell immer noch verbotenen) Parteien zu treiben, mißlang.
  • Wenige Tage nach dem Streik, am 9. Juli, schlug die rechte "Nationalpartei" den Christdemokraten einen Dialog vor, um den im Vorjahr zwischen Links-, Mitte- und Rechtsparteien abgeschlossenen "Nationalen Pakt" zu einem Instrument auszubauen, mit dem 1989 die Militärdiktatur durch eine demokratische Regierung abgelöst werden könne. Damit hatte auch die "Nationalpartei", zwar unabhängig vom System, ihm politisch aber doch nahestehend, dem Diktator die Gefolgschaft aufgekündigt.

Tags darauf redete Pinochet vor 600 Frauen in Conception, 500 Kilometer von der Hauptstadt Santiago entfernt. Bei solchen Anlässen, so heißt es, zittern seine Berater. Denn vor einem handverlesenen Publikum, dazu in der Provinz, die noch regimetreuer ist als die großen, unruhigen Städte, läßt er sich gern von seinen eigenen Worten hinreißen. So geschah es auch am 10. Juli. Natürlich wolle er die Möglichkeiten der Verfassung nutzen und bis 1997 amtieren, verkündete Pinochet siegesgewiß. Doch damit hatte er die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Eine Woche später erklärte Junta-Mitglied General Stange, Chef der Carabineros, so offen wie kühl: Eine Entscheidung über den Präsidentschaftskandidaten 1989 sei noch nicht gefallen. "Da ist noch vieles möglich." Sein Kollege, Admiral Merino, ging noch einen Schritt weiter: "Es kann sogar ein Mann sein, der auf der Straße gewählt wird" – ein doppelsinniger Satz: entweder ein beliebiger Mann von der Straße (oder aus den Parteien) oder von der Straße (der Bevölkerung) gewählt. Der dritte aus dem Junta-Quartett, Luftwaffengeneral Matthei, hatte schon früher mit der ihm eigenen Trockenheit gesagt, 1989 würde er Kiwis anbauen und exportieren – oder im Klartext: 1989 ende das Militärregime ohnehin. Jetzt sekundierte er seinen uniformierten Kameraden: Warum nicht eine Verfassungsänderung, um 1989 freie und direkte Wahlen abzuhalten statt eines Plebiszits über den von der Junta vorgeschlagenen Kandidaten?