Von der Privatisierung staatlicher Betriebe hielten Österreichs Sozialisten bisher nur wenig. Doch in jüngster Zeit scheint sich ein Sinneswandel anzudeuten. Ferdinand Lacina, seit kurzem als SPÖ-Minister für das Finanzressort zuständig, sprach dieser Tage davon, daß man überlegen müsse, Teile der Staatsindustrie zu privatisieren, falls es nicht gelinge, die Betriebe aus den Verlusten herauszuführen. Kurz darauf sickerte aus dem Umkreis des Verstaatlichtenministers Rudolf Streicher durch, daß schon ernsthaft daran gedacht werde, zumindest fünf Prozent des hochprofitablen staatlichen Mineralölkonzerns ÖMV zu verkaufen, um damit die Finanzwünsche anderer Staatsbetriebe zu decken.

Beide Minister gemeinsam forderten die verstaatlichen Betriebe zu „Eigenleistungen“ auf. Zum Beispiel müßten Vermögensteile, die nicht unbedingt betriebsnotwendig seien, wie Grundbesitz oder Beteiligungen an anderen Gesellschaften, verkauft werden, bevor der Staat den Betrieben weitere Milliardenbeträge zuschießen werde.

Den Äußerungen der Minister waren Veröffentlichungen vorausgegangen, die den Österreichern ein weiteres Mal den immensen Finanzbedarf ihrer Staatsindustrie vor Augen geführt hatten. Allein der Stahlriese Voest, dessen Tochtergesellschaft Intertrading im vergangenen Herbst durch einen Spekulationsskandal ins Gerede gekommen war, brauche in den kommenden Jahren rund 2,8 Milliarden Mark an weiterer Staatshilfe, hieß es. Das entspricht der Summe, die das Unternehmen bereits seit den siebziger Jahren an Zuschüssen bekommen hat. Zusammen mit dem Finanzbedarf für die übrigen defizitären Betriebe des Staates und einer notwendigen Großinvestition in der staatlichen Aluminiumhütte, in der Austria Metall AG, ergibt sich daraus für die nächsten drei Jahre ein Betrag von nicht weniger als 4,3 Milliarden Mark, den die Steuerzahler tragen müssen.

Voest hatte im vergangenen Jahr dank der mißglückten Intertrading-Ölspekulationen, eines total schiefgelaufenen Engagements bei einem Stahlwerk in den USA und wegen zahlreicher sonstiger Verlustgeschäfte quer durch alle Sparten nicht weniger als umgerechnet 1,7 Milliarden Mark Verlust angehäuft. Die Folge: Der damalige Minister für die verstaatlichten Betriebe Lacina feuerte die gesamte Vorstandsgarde der Voest. Die ÖVP-Opposition und Stimmen aus der Privatindustrie warnten schon damals, daß es kompletter Wahnsinn sei, ein Unternehmen mit 35 000 Mitarbeitern mit einem Schlag führungslos zu machen.

Jetzt, so scheint es, wurde die Rechnung für dieses überstürzte Vorgehen präsentiert: Der Stahlriese mußte in diesem Jahr – die neuen Vorstände mit dem ehemaligen Chef der Mobil-Oil Deutschland Herbert Lewinsky an der Spitze wurden erst im Frühjahr installiert – Auftragsrückgänge von nicht weniger als vierzig Prozent hinnehmen. Als Jahresverlust wurden nach den 1,7 Milliarden Mark von 1985 für dieses Jahr weitere 700 Millionen Mark angekündigt.

Das neue Management hält sich zugute, daß diese Flaute nicht nur hausgemacht sei, sondern durch ein weltweites Nachlassen der Nachfrage bei Stahl bedingt sei. Geschäfte im Industrieanlagenbau – diese Sparte ist bei der Voest besonders stark betroffen – seien weltweit ins Stocken geraten, argumentieren die neuen Manager, und die Ölländer, zuvor eifrige Voest-Kunden, hätten kein Geld mehr für ihre ehrgeizigen Industrialisierungspläne.

Mittlerweile hat Lewinsky auch schon erfahren, was es heißt, in Österreich einen verstaatlichten Betrieb zu führen. Er bekam Weisung, mehr Lehrlinge einzustellen, als das Unternehmen eigentlich braucht, und er mußte 2400 Kündigungen bei den Angestellten der Verwaltung, die er wegen des Auftragseinbruches rasch aussprechen wollte, vorerst einmal bis September zurückstellen.