Urlaubszeit: Da denkt man schon mal über sich selber nach. Gewiß ist es kein Zufall, wenn gerade jetzt auch Parlamentarier ihr eigenes Tun und Lassen betrachten, nicht nur wegen der bevorstehenden Wahl. Regelmäßig führt der Kontrast zwischen Ferienruhe und Bundestagshektik etwa zu dem Gedanken, die vierjährige Legislaturperiode des Parlaments um ein Jahr zu verlängern, wie das jetzt der Freidemokrat Hermann-Otto Solms vorschlug.

Wie seine vielen Vorgänger in gleicher Sache hat Solms die alten, guten Gründe: Das erste Jahr gehe im Grunde für den Wiederbeginn und die Einarbeitung drauf, das letzte stehe schon im Zeichen der nächsten Wahl, blieben also nur zwei „Kernjahre“. Die hält der Abgeordnete vor allem auch deshalb für zu knapp, weil sich der Bundestag immer häufiger mit langfristigen Aufgaben beschäftigen müsse – oder doch sollte. Und dem Einwand, daß ein fünfjähriger Rhythmus die Einflußmöglichkeiten der Stimmbürger schmälere, begegnet Solms vor allem mit dem Argument, daß eine längere Gesetzgebungszeit die Stellung des Parlaments gegenüber der Exekutive stärke, also auch den Wählern mehr Macht gebe.

Das wird, wie gesagt, immer wieder einmal zur Debatte gestellt. Nur kommt es dann zu keiner ernsthaften Debatte. Nach wie vor denkt der Bundestag über sich und seine Rolle zu wenig nach und tut sich schwer in eigener Sache.

Sie hätten, stöhnen die Parlamentsbeamten bei Gelegenheit, im Grunde 520 Arbeitgeber – die halbe Tausendschaft der Abgeordneten nämlich. Auch das macht Entscheidungen der Bundestagsverwaltung zuweilen schwer, zum Beispiel über das künftige Schicksal des alten Plenums. Dort dröhnen jetzt Bohrer und Hämmer, damit herausgefunden werden kann, wie marode oder noch verwendungsfähig Stützen, Böden und Decken sind. Und je nach Befund soll im Herbst weiterentschieden werden.

Im Plenarsaal des Bundesrates gleich nebenan, auch er seit langem nicht mehr im besten Zustand, wird hingegen bereits saniert und umgebaut, völlig überraschend, jedenfalls für Außenstehende. Aber so ist das öfter mit der Länderkammer, auch in anderen Dingen: Ganz plötzlich macht sie Nägel mit Köpfen. Das liege daran, daß man sich dort von Tür zu Tür verständige, zwischen den Länderbeamten, sagen Kundige, in einem Gremium, klein, aber oho. Was Wunder, wenn die Bundestagsverwaltung neidisch auf den Nachbarn schaut.

Jetzt kommen, versteht sich, die Touristen erst recht. Wen die Ferienreise durch Bonn führt, der nimmt auch das Regierungsviertel mit. Und meistens steht auch Rhöndorf auf dem Programm, das Haus Konrad Adenauers und sein Grab. In der vergangenen Woche ist in dem kleinen Museum, das es seit 1970 zu Füßen des Hauses gibt, der anderthalbmillionste Besucher begrüßt worden, nebenbei gesagt kein Altvorderer, der an den ersten Kanzler noch unmittelbare Erinnerungen hätte, sondern ein junger Mann. Die Wallfahrt dauert an, einzelne und ganze Busladungen, Kolpingvereine und Kaffeekränzchen. Pure Nostalgie? Oder Adenauer als Mythos? Während sich die Politiker noch streiten, ob der alte Plenarsaal des Bundestages erhalten bleiben müsse, gibt das Volk jedenfalls auf seine Weise eine Antwort, per Pilgerzug zu einem anderen Symbol der jungen republikanischen Tradition.

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Was übrigens das Nachdenken über eigene und allgemeine Dinge betrifft: Dabei werden alle Politiker durch die gesellschaftliche Vielfalt behindert, die sie tausendfach in Anspruch nimmt. Doch vervielfältigen sie sich nicht auch selber zu sehr? Vielleicht hat er gut spotten, aber dazu hat Bundespräsident von Weizsäcker jüngst in seiner Laudatio zum 25jährigen Jubiläum des „Bergedorfer Gesprächskreises“ gesagt: „Auf jede Einladung zusagen, verspätet eintreffen, sich sofort zu Wort melden, ohne Rücksicht auf den Diskussionsstand reden, just for the record, ohne Widerspruch abzuwarten, rasch wieder gehen: der nächste Pluralismus-Termin ruft.“ Carl-Christian Kaiser