/ Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im Juli

Im Dramatischen Theater der für Ausländer verbotenen Marinestadt Wladiwostok an der sowjetischen Pazifikküste brandete eine Welle spontanen Beifalls auf. Michail Gorbatschow zitierte Puschkin, nachdem er jüngst schon Tolstoi und den früher verpönten Sozialistenfeind Dostojewski angerufen hatte. Der Bevölkerung im fernsten südöstlichen Winkel des Imperiums malte der Generalsekretär seine Vision vom friedvollen Aufbruch nach Asien mit lyrischem Lokalkolorit aus:

"Es ließe sich im Laufe der Zeit die Frage der Freigabe von Wladiwostok für den Besuch von Ausländern lösen. Wenn es wirklich gelingt, die Situation im Pazifikraum zum Besseren zu wenden, könnte Wladiwostok zu einem der größten internationalen Zentren werden, zu einem Brennpunkt der Kultur und des Handels, der Sporttreffen und wissenschaftlichen Symposien. Wir möchten die Stadt als unser zum Osten weit geöffnetes Fenster sehen. Und mögen dann hier, um mit unserem großen Dichter Puschkin zu sprechen, ‚alle Flaggen froh weh’n, uns fremdländische Gäste bringend‘."

Noch wehten die Fahnen in Wladiwostok vor allem über Kriegsschiffen. Denn für Michail Gorbatschows ersten Abstecher nach Fernost war nicht zufällig auch der Tag der Seestreitkräfte gewählt worden. Die Kriegsmarine demonstrierte ihre Macht, während ihr Ehrengast signalisierte, daß er der Mäßigung auch auf den Meeren den Vorzug geben möchte. Statt an der Pier über Flotte und Rüstung große Worte zu verlieren, wie die verspäteten Tirpitze vor ihm, diskutierte der "große Kommunikator" mit den Konsumenten an der Kaimauer über Fischproduktion und Regionalindustrie. Und am Tag nach der Seeparade schlug Gorbatschow vor, Verhandlungen aufzunehmen, um die Aktivitäten der Kriegsflotte im Pazifik zu reduzieren.

So wie der Parteichef mit seiner spektakulären Reise nach Leningrad im Mai vorigen Jahres an die Petersburger Tradition als Fenster zum Westen erinnerte und Konsumgüterbetriebe statt Rüstungszentren besuchte, so demonstrierte Gorbatschow nun in Wladiwostok, daß er das Tor zum Osten ausbauen will – durch mehr Handel und weniger Hegemoniestreben. Den Hauptadressaten seiner fernöstlichen Offerten, die Volksrepublik China, umwarb er mit den Worten: "Soweit wir beurteilen können, haben wir ähnliche Prioritäten wie China: die Beschleunigung der sozialen und ökonomischen Entwicklung. Warum sollen wir einander nicht unterstützen, warum können wir bei der Umsetzung unserer Pläne nicht zusammenarbeiten, wo immer beide einen klaren Nutzen davon haben?"