Von Benedikt Erenz

Lehrreich und spannend, die Meldungen der letzten Seite. Das Papier beult sich ein wenig, wenn man die Zeitung im Freien liest, in einem Café am Rhein zum Beispiel, mit Blick aufs Basler Münster, jedoch wer ließe sich’s verdrießen, wenn er erfährt – gleich untereinander steht es, in einer Spalte –, daß: erstens ein Forscherteam „auf Grund von Knochenfunden in einer Grotte bei Nizza“ behauptet, unsere Vorfahren seien Menschenfresser, ja, tatsächlich: „Menschenfresser“, gewesen, und zweitens, daß als letztes europäisches Land Großbritannien die Prügelstrafe abgeschafft habe. Dies beschreibt, denkt man, einen Prozeß von Zivilisation, von, so sagt man, von dieser Grotte bei Nizza, 5000 v. Chr., bis zu dem neugotischen Palast an der Themse, Sommer 1986. Immerhin, denkt man als Zeitungsleser, seufzt, verschüttet etwas von dem wunderbaren Schweizer Kaffee und blickt hinüber zum Münster, wo, und dies ist jetzt gar kein Zufall, seit 450 Jahren, seit dem Juli 1536, ein großer Mann, Erasmus von Rotterdam, begraben liegt.

Von bis, denkt man später, durch die Ausstellung gehend, die die Basler ihrem Meister in der zum „Historischen Museum“ umgewandelten Barfüsserkirche am Barfüssermarkt zu seinem 450. Todestag gewidmet haben, von, bis ist wohl falsch. Auch in diesem Jahrhundert, keine fünfzig Jahre ist es her, wurden hier in Europa wieder Menschen gefressen und lange, lange vor diesem Sommer 1986 schrieb einer, Erasmus, wider die Schultyrannen, die Kinder schlagen. Menschenfresser – aufgeklärter Bürger: zwei Existenzformen unserer Gattung – mehr nicht. Aus dem Barbaren kann ein Mensch, aus jedem Menschen wieder ein Barbar werden.

Niemand war illusionsloser als sie, die hoffnungsfrohen Aufklärer, ob Freud oder Xenophanes, Diderot oder Erasmus, und gerade deshalb schrieben sie gegen die Dummheit, den Krieg, gegen den Barbarismus. Denn „der Mensch“, schreibt Erasmus, „wird nicht geboren, sondern erzogen.“

„Antibarbari“, der Titel der ersten Schrift des jungen Erasmus könnte über allen seinen Werken stehen. Denn was sind das „Lob der Torheit“, die „Vertrauten Gespräche“, die Sprichwörter-Essays („Adagia“), die „Klage des Friedens“ und die anderen politischen Schriften anderes als aufgeklärte Kritik, Erziehungsversuche also? Wider die unmenschliche, die barbarische Lebensform, das meint, weiß Gott, mehr als nur gelehrte Mäkelei an schlechtem Geschmack und schlechtem Latein.

Mit dem dumpfen, gipsbüstigen „Humanismus“ des 19. und 20. Jahrhunderts, mit „humanistischem Gymnasium“ und „humanistischer Bildung“ à la Franz Josef Strauß hat Erasmus nichts gemein. Was hätte ihm verhaßter sein können als eine Figur wie die des Griechisch-Lehrers Himmler, den Alfred Andersch in seiner letzten Novelle als den „Vater eines Mörders“ proträtierte? Nein, dieser „Humanismus“, intolerant, chauvinistisch, autoritär, war ja nur ein billiges Imitat, trauriger Plunder, Bildungsstrauß. Immer wieder hat Erasmus sich lustig gemacht über die nur-gelehrten Theologen, die Professoren der Sorbonne – über die gebildeten Barbaren.

Sein Humanismus, sein Entwurf einer christlich durchwirkten Antike, eines veredelten Christentums war – und davon erzählt die Basler Ausstellung eindrucksvoll in Büchern, Stichen und Gemälden, Karten, Münzen, Modellen, Urkunden und Briefen – Kampf, hieß Eingreifen in das Zeitgeschehen mit gelehrten Kommentaren und ätzenden Satiren, mit Philologie und Polemik.