Von Roger de Weck

Paris, Ende Juli

So feucht und schmuddelig ist die eine Wand, daran sich ein wackeliges Etagenbett lehnt, daß die Insassen sie notdürftig mit ausgerollten Abfallsäcken aus gräulich glänzendem Plastik tapeziert haben. Von der Gegenwand lugt durch das Gestell des zweiten Etagenbettes ein vollbusiges Pin-up-Mädchen hervor. Die Zelle ist dreieinhalb Meter lang, drei Meter breit. Nirgends wäre Platz für einen Stuhl, die Häftlinge müssen mit der Bettkante vorliebnehmen. Hier arbeiten sie im stickigen Halbdunkel, packen Schrauben, Muttern, Nägel und dergleichen mehr in Tüten ein. Hier schlafen sie. Die Untersuchungsgefangenen Mokhtar K., 28 Jahre alt, Esdin L. und Fahti M., beide 24 Jahre alt – der erste des Drogenhandels beschuldigt, der zweite eines Raubs verdächtigt, der dritte unter Betrugsanklage – verbringen zweiundzwanzig Stunden pro Tag in diesem Verließ.

Mitten in Paris erheben sich die haushohen Mauern des berühmten, längst in die französische Literatur eingegangenen Gefängnisses La Santé: "Die Gesundheit", der Name klingt wie Hohn, aber er hat Tradition. Die Anstalt wurde in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts errichtet und beherbergte seither die feinsten und verruchtesten Figuren des Pariser Milieus. Wo knapp tausend Häftlinge festgesetzt werden sollten, sind heute über zweitausend Menschen eingepfercht.

La Santé ist kein Sonderfall, woanders ist es noch schlimmer. Alle französischen Gefängnisse sind zum Bersten voll. In 23 Anstalten sitzen sogar zwei- bis dreimal mehr Häftlinge als zulässig sind. Anfang Juni zählte man in ganz Frankreich 32 500 Plätze und fast 48 000 Insassen. Im Durchschnitt kommen täglich zwanzig neue Gefangene hinzu. Doch der gaullistische Justizminister Albin Chalandon – der frühere Chef des mächtigen Erdölkonzerns Elf-Erap – weiß sich zu helfen. Sichtlich genießt der smarte 65jährige das Frage- und Antwortspiel mit staunenden Journalisten.

Chalandon: Meine Aufgabe ist es, zu versuchen, in sehr kurzer Frist neue Gefängnisse zu bauen und 20 000 zusätzliche Plätze einzurichten.

Frage: Was meinen Sie mit "sehr kurzer Frist"?