Alle Menschen reden. Einfach nur vor sich hin, im Zwiegespräch mit einem Gegenüber oder anonym zu einer riesigen Menge. Auf Konferenzen, im Radio, im Fernsehen, immer und überall wird gequatscht, ohne Punkt und Komma, endlos. Ein Leben ohne Sprache (und damit auch ohne Geschriebenes) erscheint uns unvorstellbar.

Das Reden, die verbale Art zu kommunizieren, ist ein typisches Merkmal unserer Spezies, genau wie das überdurchschnittlich große Gehirn, der für Säugetiere ungewöhnliche aufrechte Gang oder unsere nackte, fast unbehaarte Haut.

Kommunikation ist lebensnotwendig für alle sozialen Wesen, seien es Insekten, die sich mittels Pheromone – chemische Signalsubstanzen – "unterhalten", oder auch Tiere, die eine eindeutige Nachricht durch Körpersprache oder bestimmte Verhaltensmuster übermitteln können. Wir Menschen haben es gelernt durch Worte hochkomplexe Informationen auszutauschen, über Generationen weiterzugeben und so immer wieder neues Wissen auf altem aufzubauen. Unser heutiger Evolutionsstand wäre ohne die Sprache undenkbar.

Doch Anthropologen und Prähistoriker können nicht genau sagen, wann, warum und wo sich die Sprache des Menschen entwickelt hat. Da Worte nicht zu Fossilien versteinern, kommen sie auch nicht durch Ausgrabungen zutage, und die Wissenschaftler müssen die Sprachentwicklung indirekt ergründen. Anatomen haben daher an Abdrücken fossiler Schädel die für die Sprache zuständigen Hirnregionen untersucht. Die Ergebnisse freilich waren nicht sonderlich aufschlußreich. Die Gehirne unserer Vorfahren, so stellte sich heraus, waren den heutigen Denkapparaten recht ähnlich, nur eben weniger voluminös. Wann im Laufe der Evolution ein effektives Sprachzentrum entstand, läßt sich anatomisch nur schwer ablesen.

Paläoanthropologen nahmen sich Steinwerkzeuge vor, um zu ergründen, wann unsere Vorfahren begannen, sich zu unterhalten. Denn die Art und Weise, wie die Frühmenschen ihre Werkzeuge hergestellt haben, meinen die Forscher, entspricht genau dem Aufbau einer Sprache: Um ein Schneide- oder Hackwerkzeug zu schaffen, mußte der Homo habilis, der "geschickte Mensch", unser Mine vor 2,2 bis 1,6 Millionen Jahren, immer wieder zwei Steine so gegeneinander schlagen, daß zu beiden Seiten kleine Fragmente absplitterten (siehe auch Serie im ZEITmagazin Nr. 16 bis 18/1986). Für ein einfaches Beil genügten wenige Schläge, für eine messerscharfe Schneidekante waren an die hundert Hiebe notwendig; Schlag auf Schlag bis das Werkzeug seine endgültige Form erreicht hatte. Nach den gleichen Mustern baut sich eine Sprache auf. Ein Wort folgt dem nächsten, bis die vollständige Nachricht formuliert ist. Fehlt der erste Teil des Satzes, bleibt die gesamte Information im dunkeln – genau wie bei der Herstellung eines Steinwerkzeugs der letzte Schlag ohne die ersten keinen Sinn ergibt.

Nach dieser Theorie soll sich gleichzeitig mit den ersten Werkzeugen die erste, rudimentäre Sprache beim Übergang des Australopithecus (des Vorfahren des Homo) zum Homo habilis vor etwa zwei Millionen Jahren entwickelt haben. Der spätere Homo erectus muß demnach schon wesentlich wortgewandter gewesen sein, wenn er auch aus anatomischen Gründen noch nicht wie wir sämtliche Vokale und Konsonanten formulieren konnte.

So einleuchtend diese Parallelentwicklung von verbaler Kommunikation und Werkzeugkultur klingt – einige Spracheforscher wollen an diese Theorie nicht mehr glauben. Mary Forster von der kalifornischen Universität in Berkeley hält diesen Ideen vor allem Studien über das vorsprachliche Verhalten von Kindern entgegen. Diese lernen, lange bevor sich bei ihnen eine Sprache entwickelt, gewisse Handfertigkeiten – einfach, indem sie eine andere Person imitieren. Zudem reift das räumliche Vorstellungsvermögen – eine Voraussetzung für das Arbeiten mit den Händen – völlig unabhängig von der Sprache heran.

Thomas Wynn von der amerikanischen Universität in Colorado glaubt deshalb, daß die ersten Werkzeugmacher sehr wohl ohne Worte auskamen: "Wie ich einen Faustkeil herstelle", so meint Wynn, "prägt sich durch optische Eindrücke ein und nicht durch Worte." Außerdem sei es möglich, daß zwei Menschen ein gleichartiges Werkzeug auf grundsätzlich verschiedenen, individuellen Wegen herstellen. Anders, wenn zwei Personen miteinander reden wollen: sie müssen sich auf eine einzige Sprache (und sei es die Zeichensprache) einigen. Technisches Verständnis und Sprache, schließt Wynn daraus, können sich beim Menschen also durchaus unabhängig voneinander entwickelt haben. Reiner Klingholz