Von Heinz Josef Herbort

Das ist es, was wir ja so lieben: den Blick hinter die Kulissen. Nicht nur bestaunen, was da gemacht wurde, sondern erfahren, wie es gemacht wurde. Nicht nur beklatschen, daß jemand gut war, sondern auch wissen, warum er so gut sein konnte. Nicht nur mit den Realitäten des Programmzettels vorliebnehmen, sondern all die Wenns und Abers, das Trotzdem und Beinahe-Nicht, nicht nur die Indikative, sondern auch die Konjunktive, den Irrealis wie den Conditionalis kennen. Erst der Insider war wirklich dabei. Der Genießer trifft den Voyeur auf des Messers Schneide, und der Klatschkolumnist liefert beiden eine Balancierstange.

Das wäre es, was uns not täte: die Information über die Bedingungen, unter denen etwas zustande kommt – oder auch nicht; die Detailkenntnis über jenes absolut Neue, das sich zunächst hinter seiner Fremdheit zu verbergen scheint; der allmähliche Aufbau eines Wissens, das der Schulunterricht nicht zu bieten vermochte und das nun mit dem Abgang von eben dieser Schule auf dem Minimalniveau zu stagnieren verdammt ist; ein Mehr an Neugier und an Lust, an Freude am Tollen, an Hunger aufs bislang Unbekannte, an Enthusiasmus und Engagement.

Noch mehr Informationen über Wagner? War da nicht was, vor zehn Jahren (100 Jahre Bayreuth), vor vier (100 Jahre „Parsifal“), vor drei (100. Todestag)? Wieviel Meter Wagner wurden da geschrieben, gedruckt, ins Regal gestellt und nie gelesen? Haben sie nicht alle getönt, die Musik- und Theaterwissenschaftler, Germanisten, Philosophen, Theologen, Soziologen, Regisseure und Sänger, Altwagnerianer und Apologeten der Experimente, Judenchristen und Journalisten?

Es muß wohl jedem erst einmal so gehen: aus diesem oder jenem Grunde zunächst nichts mit Wagner am Hut; Gegner vielleicht aus rassischen, philosophischen oder neutönerischen Gründen; oder Verächter des Habituellen vor, in und nach dem Festspielhaus. Dann mehr durch Zufall erste Kontakte, über das Theater schlechthin; über die allmähliche Aufarbeitung der Musikgeschichte, von Webern rückwärts über Debussy zum „Parsifal“; über die geschenkte Karte oder die aufgezwungene Reportage. Und damit ist dann das Tor geöffnet für den „klugen und sinnigen, sehnsüchtigen und abgefeimten Zauber“ (Thomas Mann) eines Kunst-Produzenten, der vielleicht wie kein zweiter wußte, worauf es ankommt, wie es zu machen ist, damit es wirkt – als Gift oder Droge, als Genuß- wie als Heilmittel.

Auch Hermann Schreiber, zwölf Jahre bei der Stuttgarter Zeitung, fünfzehn Jahre beim Spiegel, jetzt bei GEO, Autor so wichtiger Diskussions-Bücher wie „Midlife Crisis“ und „Singles“ – ein reflektierender Journalist also, der sich Zeit nimmt und Zeit läßt für seine Themen, der seine Reportagen versteht als Mitteilung von Fakten, nicht Gerüchten, wer wann was wo, und der diese Fakten, eben erst hat er sie ausgebreitet, auch schon befragt nach dem Wie und Warum – auch Hermann Schreiber stand erst sehr auf Distanz zu diesem Richard Wagner und seinem’ so hieratischen wie schillernden (und dann auch noch mißbrauchten) (Euvre. Der Theaterenthusiast hatte, seltsam genug, „45 Lebensjahre lang keinerlei Neigung“ verspürt, „ganz im Gegenteil“. Der Grund: ihm war „das, was ich über Wagners Antisemitismus und vor allem über die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Bayreuth und den Nazis erfuhr, Grund genug, die Existenz der Wagnerschen Musikdramen und erst recht die Existenz Bayreuths nicht zur Kenntnis zu nehmen. Für mich war ‚der Fall Wagner‘ damit erledigt, jedenfalls dachte ich das. Ich dachte, ich könne das Problem durch Nichtbefassung lösen, könne Wagners Werk schlicht vergessen.“

Dann aber wecken die Jahre und deren rationale Vorgänge ein zunächst literarisches, dann ein journalistisches Interesse: „Und daran mag es liegen, daß immer dann, wenn ein Gegenstand, eine Person, ein Schauplatz meine besondere Aufmerksamkeit erregt hat, mich auch der Drang nach Augenschein befällt, der dringende Wunsch, das Objekt meines Interesses selber zu sehen, persönlich zu befragen, sinnlich zu erfahren.“ So fährt er hin, zähneknirschend und doch gleichzeitig über das Ergattern von Karten für einen Zyklus des Chéreau-Ring glücklich: „So aufgewühlt, so tief erschüttert habe ich nur ein einziges Mal zuvor ein Theater verlassen, nämlich dreißig Jahre früher in Stuttgart eine Aufführung der Antigone von Anouilh. Wenn Wagner denn süchtig macht, dann war der Chéreau-Ring meine Einstiegsdroge.“