Von Guy Stern

Vor etwa acht Jahren suchte ich nach einem Erzählwerk aus dem Dritten Reich, das sich trotz der vorherrschenden Zensur zu den damals ins Exil vertriebenen deutschen Dichtern bekannt hatte. Nach langer und zuweilen aussichtslos erscheinender Suche fiel mir der Roman „Jakobs Jahr“ von Rudolf Krämer-Badoni in die Hände. In diesem Werk präsentierte sich – und es sollte das einzige Beispiel bleiben – genau das Gesuchte. Hier wurde – zwar verschlüsselt, aber jedem hellhörigen Leser sofort verständlich – die Hitler-Diktatur entlarvt und eine ins Ausland geflohene, Stefan George ähnliche Gestalt apotheosiert.

Was die Suche so erschwert hatte, war die Tatsache, daß der Roman nur noch in vier Exemplaren existierte. Der Verleger Eugen Claassen, der das Manuskript zunächst nur angelesen hatte, erkannte bei voller Lektüre seine tiefere Bedeutung – und den Ernst der Sachlage. Er ließ die Auslieferung des inzwischen ausgedruckten Werkes stornieren und ersparte sich und seinem neugewonnenen Verlagsautor, wie Claassen damals fest überzeugt war, das Konzentrationslager.

Die Entdeckung des Ausnahmefalls führte zur nachfolgenden Entdeckung des ebenso ungewöhnlichen Urhebers, zunächst durch eine persönliche Begegnung (die auch mitsamt ihrer Auswirkung im vorliegenden Band festgehalten wird). Schon bei diesem Zusammentreffen wurde es offensichtlich, daß der damalige Widerständler in Wehrmachtuniform sich nicht gewandelt hatte. Nach wie vor zeigte er sich im Werk und in Werkstattgesprächen als unerschrockener Verkünder individueller Überzeugungen, der bei seiner Kritik keine Richtung, keine Person – auch sich selbst nicht – aussparte.

Davon – aber auch von hundert anderen Erlebnissen – zeugen diese reichhaltigen Erinnerungen. Schon in seinen Hauptgestalten aus Sachbuch und Belletristik, die hier noch einmal kurz vorgeführt werden, erkennt man den eigenwilligen und „unbequemen“, kritischen und selbstkritischen Einzelgänger wieder; etwa in den Biographien von Galilei und Marcel Lefebvres und in dem Roman „Gleichung mit einer Unbekannten“, in dem der (allerdings viel problematischere) Held wie ein moderner Karl Moor die Justiz in die eigenen Hände nimmt. Und in seinen Essays und Streitschriften spricht er immer pro sui propriis. Im Streit um Kunstwerte und Politik haben er und seine Gattin „viele vor den Kopf gestoßen“, konstatiert Krämer-Badoni gegen Ende seiner Autobiographie. Nicht nur viele, müßte man hinzufügen, mitunter auch die Mächtigsten.

Überdies setzte dieses Vor-den-Kopf-Stoßen – laut Autobiographie – an den dramatischsten und neuralgischsten Zeitpunkten der deutschen Nachkriegsgeschichte ein. Während der Spiegel-Affäre forderte der als konservativ geltende Krämer-Badoni nicht nur Strauß, sondern auch Höcherl und Adenauer zum Rücktritt auf. Mit schärfster Polemik warnte er sowohl vor den neugegründeten links- wie rechtsradikalen Parteien und ihren Sympathisanten, da sie seinerzeit die erste deutsche Republik zu Fall gebracht hätten.

Als traditionell gläubiger Katholik verwarf er die Säkularpolitik Johannes XXIII. mitsamt den meisten Beschlüssen des Zweiten Vatikanischen Konzils und hielt dem Papst – in einem streng sachlich angelegten Buch – die spirituellen Ziele des von der Hierarchie abgelehnten Erzbischofs Lefebvre entgegen. Und als er ein für allemal bei deutschen Kriegsopfern einen Trennungsstrich zwischen nationalsozialistischen Kriegshetzern und den unschuldig Gefallenen setzen wollte, suchte er sich als Forum einen Volkstrauertag in Saarbrücken aus.