Von Rolf Michaelis

"Wenn Sie das Leben kennen, geben Sie mir bitte seine Anschrift"

Jules Renard, "Tagebuch", 13, Dezember 1895

Nur ein wahrhaft fauler Mensch kann mit solchem Fleiß sich selber und die Welt betrachten und in einem kurzen Leben von 46 Jahren 54 Hefte Tagebücher füllen. Welchen Widerständen die täglichen Notate abgerungen sind, wird nicht verschwiegen. Als der Dreiundzwanzigjährige 1887 sein Journal beginnt, gilt eine der ersten Reflexionen einer Eigenart seiner Begabung, die seinen schriftstellerischen Ehrgeiz bremst: "Talent ist eine Frage der Quantität. Talent haben, heißt nicht, eine Seite niederschreiben; es heißt dreihundert davon zu Papier bringen ... Es gilt nur, die Feder zu zücken, sich das Papier zurechtzulegen, es geduldig vollzuschreiben. Die Starken zögern nicht. Sie setzen sich hin und schinden sich ... In der Literatur gibt es nur Arbeitstiere. Die größten unter ihnen sind die Genies, jene, die sich täglich achtzehn Stunden lang plagen. Ruhm ist eine unaufhörliche Anstrengung."

Aber schon wenige Tage später widerspricht der angehende Autor sich selber: "Die wahrhaft große Kunst besteht nicht darin, irgendein umfangreiches Werk in Angriff zu nehmen, etwa einen Roman zu schreiben, in dem sich der Geist ganz den Erfordernissen eines übergreifenden Themas beugen muß, das er sich selbst gestellt hat; eine größere Kunst ist es wohl, in kleinen Schritten über unzählige Themen zu schreiben, die unverhofft auftauchen, sozusagen die eigenen Gedanken zu zerbröseln. Auf diese Weise ist nichts erzwungen, alles behält den Reiz des Ungewollten, des Natürlichen. Man fordert nicht, man wartet ab."

Ein Zerbrösler der eigenen Gedanken – das ist er geworden, besser: geblieben, der am 22. Februar 1864 als Sohn eines Bauunternehmers in Châlons-du-Maine, im Departement Mayenne geborene Jules Renard, aufgewachsen in der burgundischen Heimat des Vaters, in Chitry-les-Mines, im Departement Nievre. Das letzte von drei Kindern eines Baumeisters, der im Auftrag des Staates Trassen für das neue Verkehrsmittel Eisenbahn anlegte, war nicht willkommen. Wie bitter klingt noch die Notiz des Nesthäkchens, vier Jahre vor dem frühen Tod: "Eine Mutter haben und nicht wissen, worüber ich mit ihr sprechen soll!"

Den Kummer über mangelnde Liebe und ständige Zurücksetzung innerhalb der Familie hat Jules sich in dem autobiographischen Roman "Poil de Carotte" (1894) von der Seele geschrieben, den Hugo von Hofmannsthal unter dem Titel "Fuchs" übersetzt hat. Bis heute ist der (dreimal verfilmte) Roman, in dessen Titelfigur sich herumgeschubste Kinder in aller Welt wiedererkennen, das Buch, das Renards Namen noch am Leben erhält; den Titel "Rotfuchs" übernahm der Rowohlt-Verlag sogar für seine Reihe der Kindertaschenbücher.