Man kann nicht sagen, daß deutsche Privatanleger Aktien übermäßig mögen. Zum Jahreswechsel 1985/86 besaßen sie nur etwa 17 Prozent des Aktienbestandes, der Rest lag bei Banken, Unternehmen, Versicherungen und Ausländern. In einem Fall aber machen die Börsenlaien eine Ausnahme – Neuemissionen lieben sie heiß und innig.

Ein wenig ist es wohl die Faszination des Neuen; die umfangreiche Berichterstattung in Zeitungen und Bankpublikationen bei der Plazierung spielt auch eine Rolle, vor allem aber ist es die Hoffnung auf schnelle Zeichnungsgewinne. Da bei fast allen Emissionen der vergangenen Jahre die Nachfrage die Zahl der angebotenen Aktien deutlich überstieg, lagen die ersten Börsenkurse – teilweise erheblich – über dem Emissionspreis.

Ein gutes Beispiel dafür ist die Aktie von Hugo Boss, Deutschlands bekanntestem Herrenschneider. Im November vorigen Jahres zum Preis von 815 Mark angeboten, setzten die ersten Börsennotierungen gleich knapp unter tausend Mark ein. Inzwischen zahlen Anleger bereits mehr als 2200 Mark für Boss-Aktien.

Solche Geschichten, über die Mißerfolge leicht vergessen werden, brachten das Geschäft mit neuen Aktien kräftig in Schwung. Im ersten Halbjahr 1986 schlugen die Emissionen dank des dicken Brockens Feldmühle alle Rekorde. Für knapp 3,4 Milliarden Mark verkaufte die Deutsche Bank elf neue Papiere. Doch in der Baisse, immerhin fielen seit Mitte April die Kurse um fast ein Viertel, trennt sich die Spreu relativ schnell vom Weizen.

Wohl in Erinnerung an den glänzenden Boss-Erfolg rissen sich die Anleger um das „weibliche Gegenstück“ Escada. „Eine Erfolgsgeschichte kommt an die Börse“, hatte schon vor der Emission das Unternehmen in der Londoner Financial Times inseriert, und Mitte Mai gingen die 170 000 offerierten Vorzugsaktien weg wie warme Semmeln. Gleich am ersten Handelstag zahlten die Börsianer für das zu 560 Mark offerierte Papier glatte 800 Mark. Inzwischen legen die Anleger beim Kauf noch etwa hundert Mark drauf.

Nicht ganz so gut liefen die Angebote der zweiten Garnitur, die weniger Phantasie ausweisen: Vom 7. bis 12. Mai – die Börsenstimmung war schon etwas trister als im März und April – bot ein Konsortium unter Führung der Deutschen Bank 267 000 Aktien des Maschinenbauers Traub zu 250 Mark zum Kauf an. Die erste Notiz lautete auf 279 Mark, und nach einem kurzen Zwischenhoch von 300 Mark fiel der Kurs wieder auf den Anfangswert zurück. Vergleichsweise kamen die neuen Besitzer damit in der Baisse doch noch recht gut weg.