Als im Vorjahr einer der wichtigsten zeit- und sozialhistorischen Forschungsinstitute der Bundesrepublik 25 wurde, wünschte sein Leiter kein Aufhebens. Diesmal kann er es nicht verhindern: Am 5. August wird Werner Jochmann 65, und 45 Historiker aus acht Ländern ehren ihn und sein Lebenswerk, die Hamburger Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus, mit einer zweibändigen Festschrift ("Das Unrechtsregime").

Jochmann, im Krieg schwer verwundet, fing an bei den Mediaevisten – von ihnen erlernte er den Umgang mit Quellen. Nach einem Zwischenspiel als Lehrer verschrieb er sich 1953 als Assistent bei Fritz Fischer der Zeitgeschichte (er gab Fischer den Rat, sich ganz der Forschung zu widmen und sein großes Buch "Griff nach der Weltmacht" zu schreiben). Ein Anreger ist er geblieben – für Studenten, Kollegen, Politiker, Publizisten. Mit Wissenschaft wollte er politisch wirken. Es gelang ihm, weil seine Glaubwürdigkeit ein solides Fundament hatte: handwerkliche Genauigkeit, guter Stil, Quellentreue, Redlichkeit. Seine Chance kam 1960, als ihm der Senat den Aufbau der Forschungsstelle anvertraute. Heute ist dem Institut eine vielgenutzte Spezialbibliothek für die Geschichte der Parteien, Verbände und sozialen Bewegungen mit 45 000 Bänden angegliedert; im Archiv ruhen Tausende unveröffentlichter Zeugnisse aus Privatbesitz; in eigenen Schriftenreihen sind dreißig Werke erschienen, denen man die kundige Hand des Herausgebers anmerkt.

Beinahe unglaublich, wie mit so wenig Mitarbeitern und so spärlichen Mitteln ein Zentrum moderner Sozialgeschichte entstehen konnte. Ohne Jochmanns Spürsinn und Begeisterungsfähigkeit, ohne sein nimmermüdes Engagement wäre es undenkbar. Die Beschränkung aufs Regionale nutzte er als Vorteil: Aus unbeachteten Druckschriften der Parteien, Verbände und Firmen erschlossen sich mit einem Mal die gesellschaftlichen Hintergründe des Nationalsozialismus. Jochmann ist die originalgetreue Fassung von Hitlers "Tischgesprächen" zu verdanken; von ihm kam der erste Anstoß zur kritischen Betrachtung der Brüningschen Deflationspolitik; vorangetrieben – auch mit beachtlichen eigenen Beiträgen – hat er die Erforschung des Antisemitismus, der Zusammenhänge von Politik und Protestantismus und der Kontinuitäten deutscher Geschichte.

1957 schon suchte er, der gebürtige Schlesier, das Gespräch mit polnischen Historikern, bald auch mit jüdischen Gelehrten im Westen und in Israel. Wo immer er sich engagierte – auf dem Katheder oder dem Podium, als Gutachter oder als Lektor –, nie verweigerte er das Gespräch, weder Schülern noch Gegnern. Die Römer hätten gesagt: Er hat sich um die moralische Erneuerung des Volkes verdient gemacht.

Karl-HeinzJanßen