Politiker nutzen die steigende Zahl der Flüchtlinge aus dem Iran, um ein in der Welt einzigartiges Grundrecht weiter zu demontieren

Erwin Brunner, Karl-Heinz Janßen, Michael Schwellen und Michael Sontheimer berichten aus Hamburg, Berlin und Istanbul

Das „Loch in der Mauer“ ist eine schlichte Stahltür auf der dritten der vier Eugen des Bahnhofs Friedrichstraße. Einen Stock höher verläuft die S-Bahn nach West-Berlin. „Einreise in die DDR“ steht über der Stahltür, durch die der Großteil des in West-Berlin verkauften Heroins transportiert wird, durch welche die RAF und andere Terroristen ungestört in alle Welt und wieder zurückgereist sind und durch die jetzt angeblich die „Asylantenflut“ brandet.

Samstag, kurz vor Mitternacht, ist von Fremden, die Asyl begehren könnten, nichts zu sehen. Nur Westdeutsche und Westberliner, die in Ost-Berlin waren, kehren wieder zurück.

Kurz vor halb zwei kommt schließlich eine Gruppe. Braune Pässe. Es sind Iraner. In der Mehrzahl sind es junge Männer, in Jeans und T-Shirts. Arm sehen sie nicht aus. Die Männer schleppen große Koffer, die ängstlich blickenden Frauen tragen kleine Kinder. Zwei Türken begleiten sie. Die beiden sind anscheinend Fluchthelfer; sie führen die Gruppe einen Stock höher, zur S-Bahn in Richtung Westen.

Ein Westberliner mit verlebtem Gesicht, er hat sich offensichtlich am Nordhäuser Doppelkorn vergriffen, der in den Intershops auf jedem Bahnsteig preiswert angeboten wird, lallt einem Saufkumpanen zu: „Kiek mal, det müssen allet Asylanten sein.“

Am S-Bahnhof Charlottenburg ist Endstation. Die Iraner, ihre türkischen Begleiter sind längst verschwunden, fragen hilflos: „Bahnhof Zoo? Bahnhof Zoo?“ Den haben sie verpaßt. Die Zugabfertigerin ruft die Polizei. Eine Viertelstunde später erscheinen ein Beamter und eine Beamtin, fast genauso hilflos wie die Iraner. „Passport, Passport“; die Pässe werden eingesammelt. „Die Herrschaften kommen alle mal mit zum Funkwagen“, sagt der junge Polizist. Auf dem Bahnhofsvorplatz versucht er einen Überblick zu bekommen, wem nun welcher Paß gehört: „Oh, Gott, diese Namen.“ Eine hochschwangere Frau und die Mütter mit den kleinen Kindern dürfen sich in den Polizeiwagen setzen. „Damit es nicht so kalt ist“, sagt der Polizist freundlich. Dann werden die Vordrucke ausgestellt, daß ihnen der Paß abgenommen wurde. Mit diesen müssen sie sich bei der Ausländerbehörde melden, um einen Antrag auf politisches Asyl zu stellen.