Von Horst Bieber

Natürlich haben sie lange über die fünf Toten gesprochen, über die offenkundig veränderte Taktik der Contra, über das, was sie in Nicaragua erwartet, über Bernd Koberstein aus Freiburg. "Plötzlich kommt eine Geschichte sehr viel näher", sagt Elvira B., und ihre Nachbarin Lisa N. ergänzt: "Es wäre unrealistisch, so zu tun, als handele es sich um eine Urlaubsreise." Daß sie als freiwillige Aufbauhelfer, als "Brigadisten" in ein unruhiges Land fahren würden, war ihnen von Anfang an klar. Aber jetzt ist die Gefahr über Nacht handgreiflicher geworden, näher gekommen. "Trotzdem ist niemand abgesprungen." Angst und Sorge – ja, auch Nachdenklichkeit, welcher Preis für ihre Solidarität schlimmstenfalls zu zahlen sein wird, aber Rückzug – nein.

Neun Frauen und fünf Männer haben sich zu einem Wochenendseminar im Hamburger Besenbinderhof getroffen, alle berufstätig, alle Gewerkschaftsmitglieder, aus Hamburg, Kiel, Münster, Essen oder Frankfurt, 26 Jahre die jüngste, 54 Jahre die älteste Brigadistin. Seit sechs Monaten bereiten sie ihre Reise vor, vier Wochen soll sie dauern, Abflug am 12. August von Berlin-Schönefeld. Flug, Verpflegung und Taschengeld zahlen sie aus eigener Tasche, gut 2000 Mark werden es sicher, und der Jahresurlaub wird geopfert. Hilfe – das wissen sie – können sie von den staatlichen Stellen Nicaraguas oder der Bundesrepublik nicht erwarten, das bescheinigen sie mit ihrer Unterschrift vor dem Start. Eine schwache Hilfe können vielleicht Patenschaften bieten, die hier in der Bundesrepublik von Einzelpersonen oder Institutionen übernommen werden; denn so wie sie den Nicas Solidarität beweisen wollen ("Die Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker"), so rechnen sie damit, daß auch die Contra auf das Echo der Weltöffentlichkeit spekuliert.

Ihr Reiseziel – Jacinto Vaca, etwa 300 Kilometer südlich von Managua – hat einen schlechten Klang. Acht deutsche Brigadisten sind dort entführt und erst nach Wochen freigelassen worden, aber ob es überhaupt noch einmal Entführungen geben wird? Oder im Klartext: Wird die Contra auf Ausländer nicht gleich scharf schießen? Hinweise auf eine seit Mai geänderte Taktik gibt es, wenn auch ihre Opfer, nicaraguanische Bauern oder Sandinisten, außerhalb des Landes keine Schlagzeilen machen, so daß die Ausdehnung der gefährdeten Gebiete ebenfalls unbekannt bleibt, allenfalls in der internen Diskussion der Solidaritätskomitees und Brigadisten anklingt, ob man bewaffnet oder unbewaffnet seiner Tätigkeit nachgehen soll. Jacinto Vaca ist auch ohne dies in der Regenzeit ein unfreundlicher Ort – matschig, naß, für Europäer anstrengend, arm. Warum fahren vierzehn Deutsche dorthin, auf eigene Kosten und eigenen Wunsch, um Holzhäuser auf Stelzen zu bauen? Freiwillige, die am Probemodell Nageln und Bauen üben mußten?

Es geht sicherlich nicht nur um materiellen Fortschritt für die Bevölkerung, finanziert durch deutsche und amerikanische Privatspenden und einen Beitrag der sandinistischen Regierung. Diese Brigadisten können auch den Facharbeitermangel nicht ersetzen oder als selbst noch Lernende die Nicas anlernen, zumal sie nur zwei Wochen in Jacinto Vaca bleiben werden und weitere zwei Wochen durchs Land reisen wollen, um sich zu informieren. Sie sind keine Mediziner oder Brückenbauer, die Managua dringend braucht. Die Mühen, die sie freiwillig auf sich nehmen, befreit sie jedoch auch von dem Verdacht, Polittouristen zu sein, die etwa nach der portugiesischen Nelkenrevolution Lissabon bevölkerten.

Doch was sie wirklich über den Atlantik treibt, ist schwer auszumachen – Solidarität mit Armen und Schwachen (dann wären sie auch in Afrika willkommen) oder politische Überzeugungen (durchaus nicht.alle sind erklärte Kommunisten, die so ihrem Anti-Amerikanismus Ausdruck geben) oder Neugier ("Wir wollen das aus eigener Anschauung kennenlernen") oder Revolutionssehnsüchte ("Vielleicht entsteht in Nicaragua der dritte Weg, der ein Modell für die ganze Dritte Welt sein kann"). Reagan hat keine Freunde unter den Brigadisten ("eine Schande, daß er nicht zuläßt, daß ein kleines Land seinen eigenen Weg geht"), aber die Sowjetunion gilt auch nicht gerade als erstrebenswertes Vorbild. Abenteuerlust gibt es in Grenzen, Eskapismus vom langweiligen Alltag ebenfalls; viele finden es "ungerecht", wie eine Großmacht mit Geld die Feinde eines Kleinstaates zum Morden und Sengen treibt. Gabi vom Nicaragua-Informationsbüro in Wuppertal, das viele dieser Brigadisten organisiert und betreut, nennt es "ein Stück Hoffnung auf Veränderung in der Welt – nicht nur in Nicaragua". Oder auch den "Glauben an die Zukunft – das ist ja auch ein Problem für uns in der Bundesrepublik". Der "politische und der humanitäre Impuls" lassen sich nicht trennen.

So unscharf die Motive des einzelnen bleiben, das Gesamtziel der Brigaden läßt sich rationalisieren: Hilfe – Solidarität – Information im Lande – Gegenöffentlichkeit hier. Das sandinistische System wird hier verleumdet, darüber besteht Einigkeit, und das Recht zu dieser Parteilichkeit erkaufen sie sich durch ihren Einsatz.