Wie „Westis“ und DDR’ler einander begegnen – Szenen und Beobachtungen,

Von Marlies Menge

Wir haben so getan, als ob nichts wäre“, sagte Nina Grunenberg nach einem Treffen mit Gesprächspartnern aus der DDR, und damit hatte sie bereits eines der ungeschriebenen Gesetze ost-westlicher Begegnungen im geteilten Deutschland erkannt. Dabei wußten wir sehr gut, daß die Reise des ZEIT- Teams so normal nicht war, wie wir taten. Theo Sommer hatte Erich Honecker am Rande eines Interviews darum gebeten, im Januar 1986, und der hatte spontan zugestimmt. Daraufhin gab es ein Programm fast wie bei Staatsbesuchen. – In meinen neun Jahren als Korrespondentin in der DDR hatte ich von all dem nur träumen können.

Wir fragten uns alle: Warum solch ein Programm? Warum gerade jetzt? Wollte Erich Honecker vielleicht doch noch in die Bundesrepublik fahren? Sollten unsere Berichte die Begleitmusik zu seinem Besuch liefern?

Davon kein Wort beim ersten Treffen, einem Essen, das uns Botschafter Wolfgang Meyer, Leiter des Büros für journalistische Beziehungen im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten, im Palasthotel gab, der Devisen-Enklave in Ost-Berlin. DDR-Journalisten waren dazugeladen, darunter der Reisebegleiter von 1964. Die Atmosphäre war heiter, die Themen blieben unverfänglich. Wir hätten die Kollegen fragen können, warum ihre Zeitungen das eigene Land immer so ermüdend positiv darstellen. Aber das taten wir in diesem Stadium noch nicht. Die Jüngeren suchten nach Ähnlichkeiten in ihren Biographien; die Älteren, die schon vor 22 Jahren miteinander durch die DDR gereist waren, gedachten früherer Zeiten.

Wenn Deutsche aus Ost und West das erste Mal zusammentreffen, wirken beide Seiten meist angestrengt locker. Der Westdeutsche reist unbefangener nach Polen oder in die Sowjetunion als in die DDR. Da leben zwar auch Kommunisten, und manches ist fremd, aber das sind schließlich auch andere Länder mit anderer Sprache und anderen Sitten. Der Deutsche aus der DDR empfängt französische oder amerikanische Besucher gelassener als Leute aus der Bundesrepublik. Die können vielleicht seinem real existierenden Sozialismus noch weniger abgewinnen, doch schließlich kommen sie aus anderen Ländern mit anderer Sprache und anderen Sitten. Den Deutschen hängt ihre Geschichte an, die gemeinsame bis 1945, aber auch die danach, die getrennte, die beide Seiten, immer mit argwöhnischem Blick zum andern, absolviert haben, Das hält Berührungsängste wach, Emotionen, die durch akute deutsch-deutsche Vorfälle immer wieder mobilisiert werden – ganz gleich, ob es um Asylanten geht oder um den mysteriösen Fall Meissner. Auch die gemeinsame Sprache hängt ihnen an, die alles verschärft, da sie Verstehen erlaubt, wie eine Schriftstellerin es formulierte. Das alles muß überspielt werden. Vielleicht lächeln die Deutschen aus Ost und West einander deshalb so fleißig zu.

„Ihr besichtigt uns wie Neger“