Von Dieter Hildebrandt

Bei meiner Schatzsuche in unserer Wörterwelt, im Sperrmüll unserer Chiffren und Abkürzungen, beim Stöbern in den auch nicht immer astreinen Freizeitnischen habe ich jetzt etwas entdeckt, das mich so verblüfft hat, wie nichts mehr seit jener Fernsehansage, die da lautete, man sende jetzt "das live-Konzert zum Totensonntag". Was ich soeben gefunden habe, ist nicht schlicht ein Kürzel, sondern eher eine Art Rätsel, ein Stück Magie, mehr noch: die schiere Unwahrscheinlichkeit, geradezu ein Partyknüller. Aber erst einmal soviel: Wir haben im Deutschen eine Einsilbigkeit mehr, und die heißt CHRIC.

Es wäre geradezu banausisch, da nun gleich draufloszufragen, was das denn heiße, was das solle, was das uns Menschen hier draußen in der Stadt denn sagen wolle. CHRIC – das muß man erst mal zwischen den Zähnen und auf der Zunge zergehen und im Rachen aufprallen lassen, und gleich wird man merken, daß dieses Wort Biß hat, Pep, Saft, Knusperkraft. Chric hat für mein Ohr etwas ungemein Sportives, Chric, das hat etwas von der Brisanz eines Boris-Becker-Aufschlags, es könnte aber auch das Geräusch benennen, wenn Bernhard Langer das fünfte Eisen (falls es das beim Golf gibt) ansetzt, Chric, das könnte auch für das minimale Rauschen stehen, mit dem ein Turmspringer pfeilgerade ins Becken schnellt, ohne das Wasser weiter zu inkommodieren. Aber vielleicht – um das Metier zu wechseln – könnte auch eine Bügelfalte chric gebügelt sein oder ein verwegener Hut recht chric auf dem hübschen Haupte sitzen. Chric ist jedenfalls ein Wort, das unserer Werbung und Touristik und Modebranche gut anstünde, etwa nach dem Motto: in Chric – da ist Musik, oder etwas gewagter: Mein neuer Tick – der Chric. Denn im Ernst: Was ist gegen Chric ein traditioneller Tennis-Crack, oder gar ein zerkrümelter Cracker, und selbst zum guten alten Chic kann man doch nur abwinkend sagen: Storno. Aber leider hat die Reklame dieses Wunderwort sich entgehen lassen; wir stellen uns vor, daß in einigen Werbeetagen demnächst harte Worte fallen werden.

Nein – und nun werden Sie staunen – Chric ist ein Wort der Kirche, der Frömmigkeit, Chric ist die Heilsbotschaft auf kürzestem Wege, Chric ist das Neue Testament auf dem allerneuesten Stand, Chric ist so etwas wie das computerisierte Evangelium. Chric steht als Abkürzung der "Christlichen Interessengemeinschaft für Computeranwendung". Und was bitte will die? Sie will genau das mit dem Computer machen, was alle mit dem Computer machen wollen, die Ministerien und die Landwirtschaftsgenossenschaften, die Sternwarten und der Verfassungsschutz, die Einwohnermeldeämter und die Supermärkte, der Schuldirektor und der Schauspielintendant: Die Chric will sich die Arbeit erleichtern.

Denn daß die Bibel als das Buch der Bücher Schwerarbeit ist, das weiß jeder, auch wer sie nur mal als Erbstück in der Hand gehabt hat. Mit diesem Weltbestseller aller Zeiten – denn der Himmel verkauft sich denn doch noch besser als der Simmel – mit diesem schweren Brocken schlagen sich nun Tausende von Pfarrern an jedem Wochenende allein in Deutschland herum für ihr Wort zum Sonntag, für den Kanzelauftritt, für die wohlgesetzte, jedenfalls gutgemeinte Predigt. Man muß sich einmal konkret vorstellen, wie das in den schönen, so oft beneideten deutschen Pfarrhäusern aussieht: Das ist ein Vor- und Zurückblättern, ein Fingerlecken und Eckenkniffen, da feiern Lesezeichen Triumphe wie das Konfetti zu Neujahr, da hebt ein Hin- und Herwälzen an, daß es wirklich kein Spott ist, wenn man die Bibel einen Wälze nennt. Gesungen ist ja fix: Das Wort sie sollet fassen stahn – aber bis das rechte erst einmal gefunden ist! Und in dieser Not stehen die Leute vom Chric bereit, denn siehe, es gibt doch neuerdings Computer, und mit der Bibel auf der Computer-Discette ist alles auf einmal viel leichter: Suchet, und das Gerät findet für euch. Wer wollte solcher Neuerung widerstehen: Um beispielsweise das erste Evangelium, das über 150 000 Zeichen enthält, nach einem Stichwort abzusuchen, braucht die Datenverarbeitungsanlage nur dreieinhalb Minuten. Wie mancher Pfarrer predigt heute noch wahrscheinlich über was ganz anderes, weil er das rechte Wort nicht rechtzeitig gefunden hat.

Die Nachricht, aus der wir dies alles haben, ist wahrscheinlich eine frohe Botschaft, und verkündet wurde sie vom Leiter "eines interkonfessionellen Projektes Pfarrer und Personalcomputer". Ihm verdanken wir auch die zu Nutz und Frommen der Geistlichen gemachte Ankündigung, daß der Anfang gemacht werden soll "mit dem Probelauf des Matthäus-Evangeliums". Sage also niemand mehr, bei ihm sei Matthäi am letzten.

Noch ein allerletztes: Irgendwie werde ich den Verdacht nicht los, daß Chric die persönliche Rache Gottes an der Werbung ist, die ihm schon längst das "Credo" gestohlen hat.