Erkenntnisse und Ideale der Anne-Sophie Mutter

Von Peter Fuhrmann

Genau zehn Jahre ist es her, daß Herbert von Karajan die damals dreizehnjährige Geigerin Anne-Sophie Mutter zum erstenmal hörte und spontan von der „größten musikalischen Frühbegabung seit dem jungen Menuhin“ sprach. Inzwischen ist der jungen Dame ein Aufstieg in die internationale Künstlerelite gelungen, wie ihn steiler kein deutscher Musiker in der Nachkriegszeit hat nehmen können. Inzwischen auch hält Herbert von Karajan sie für eine der drei maßgeblichen Geigerpersönlichkeiten der Welt, zu der „die meisten in die Schule gehen“ könnten.

Der Direktor der Londoner Royal Academy of Music nahm Karajan beim Wort, lud die Geigerin jüngst zu zwei Meisterkursen ein und berief sie vom kommenden Herbst an auf den ersten Lehrstuhl für Solovioline.

Frau Professor also – die leicht ironisch hervorgebrachte akademisch-steife Anrede belächelt sie. Freilich seien ihre Schüler alle älter als sie. Das habe aber den Vorteil, daß sie zu ihnen einen direkteren Zugang habe.

Schon bei den bisherigen Visiten hatte die renommierte Gastdozentin den Eindruck gewonnen, daß es den meisten an der Technik hapere, und das in einem Land, das die besten Orchestermusiker der Welt hervorbringe. Daher werde sie vor allem an der Verbesserung des elementaren technischen Handwerks zu arbeiten haben, dessen Ausbildung sie hierzulande für besser hält. Bei Engländern sei dies „von der inneren Einstellung her der schwache Punkt“. Wieviel Zeit sie indes künftig dafür aufbringen könne, derlei Rüstzeug weiterzugeben und zur Reife zu bringen, übersieht Anne-Sophie Mutter derzeit nicht. Es müßte eine Lösung geben, meint sie, daß sie die drei oder vier Begabtesten einmal im Monat sehe: „Kontinuität muß sein.“ Die übernommene Verantwortung mache sie ohnedies „nervös“.

Ändern möchte sie das späte Eintrittsalter an der Royal Academy. „Wer höhere Karriereziele anstrebt, für den ist mit achtzehn Jahren der Zug abgefahren.“ Schon als Kind habe sie täglich oder wie sie sagt „altmodisch“ die ganzen Etüden-Hefte von Sevcik – neben vielem anderen Zeug – gespielt, und dann natürlich Paganini. Es gebe technisch nichts, was sie sich nicht hart erkämpft habe. „Wenn in diesen Dingen nicht bereits im frühen Alter ein Automatisierungsprozeß einsetzt, so daß man sozusagen auf den Knopf drücken und die Dinge perfekt ablaufen lassen kann, dann hat man später keine Chance.“