Von Marlies Menge

Der Direktor wartet in der Verwaltung, in einem der langgestreckten, blaß-gelben Gebäude, den ehemaligen SS-Kasernen. Er heißt Klaus Trostorff und ist Direktor der Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald. Früher war er Häftling im KZ, durch das er heute die Besucher führt. Wir gehen durch das Lagertor mit der eisengeschmiedeten Parole „Jedem das Seine“. Dahinter breitet sich eine große, leere Fläche aus. Von den Baracken sind nur noch die Fundamente zu erkennen. „Was wollen Sie wissen?“ fragt Klaus Trostorff. Er ist um die sechzig, ein eher schmächtiger Mann, mit dunklen Haaren und braunen Augen. Er und einer seiner Mitarbeiter waren in Buchenwald inhaftiert.

Wie ist einer wie Trostorff aufgewachsen? Woher stammt er? Wie ist er ins KZ gekommen? Solche Fragen scheint der Direktor nicht sonderlich zu mögen. Er geht lieber aufs nächste Thema über, der Selbstbefreiung des Lagers. Von der offiziellen DDR wird sie mit fast religiöser Inbrunst als Beispiel kommunistischen Widerstands gefeiert; im Westen wird diese Version angezweifelt. Trostorff meint dazu: „Manche bei uns haben daraus vielleicht einen zu großen Aufstand gemacht. Die Selbstbefreiung war sicher nur möglich, weil die Machtverhältnisse außerhalb des Lagers so gut wie entschieden waren. Sonst hätte die SS das bestimmt nicht zugelassen.“ Am 1. April 1945 waren noch 50 000 Häftlinge in Buchenwald. „Anfang April wurden rund 30 000 weggeschafft, auch die sowjetischen Kriegsgefangenen. Von den verbliebenen 21 000 haben vermutlich 19 000 die Selbstbefreiung nicht gesehen. Es traute sich doch keiner mehr raus; die Vorbereitungen wurden geheimgehalten.“

Und Trostorff – wo war er damals? Er zeigt nach links: „Ich war da drüben, in Block 12, bei den sowjetischen Kriegsgefangenen.“ Dorthin war er zur Strafverschärfung verlegt worden: „Wegen staatsfeindlicher Tätigkeit und sowjetfreundlicher Einstellung.“

Trostorff war allein in der Baracke. Weil er ausländische Sender mit einem kleinen, selbstgebauten Gerät abhörte, wußte er vom Vormarsch der Amerikaner auf Weimar: „Am 10. April hörte ich Geschützdonner. Es gab Feindalarm – für uns waren es ja Freunde. Am 11. April, mittags gegen eins, sah ich vom Fenster meiner Baracke aus, wie Häftlinge in dem Gelände dahinter Gewehre unter sich verteilten. Gegen 14.30 Uhr sah ich sechs bis acht Häftlinge mit Pistolen und Gewehren hier über den Weg laufen. Wenig später waren die SS-Leute im Wachturm über dem Eingang entwaffnet. Die Nazifahne wurde heruntergenommen, die weiße Fahne gehißt. Das erstemal sprach ein KZ-Häftling übers Mikrophon: ‚Kameraden, wir sind frei.‘ Es war schwer, die Leute im Lager zu halten, noch war Weimar ja nicht genommen; es war auch schwer, sie davon abzuhalten, die SS-Männer zu lynchen. Wir haben ihnen gesagt: ,Es sind nicht alles Mörder. Und wir brauchen sie als Zeugen.‘“

An dieser Stelle sagt Trostorff „Wir.“ Nun war er also dabei. Am 11. April fuhren Amerikaner in zwei Panzern außen am Lagerzaun vorbei. Einer fragte: „Alles in Ordnung?“, und sie fuhren weiter. Am 13. April wurde das Lager und die 220 gefangengenommenen SS-Leute an die Amerikaner übergeben.

Erst jetzt war Trostorff bereit, über sich selbst zu reden: „Erzogen wurde ich vor allem von Mutter und Großmutter. Meine Großmutter war Mitglied der SPD. Sie hat zusammen mit Rosa Luxemburg Nationalökonomie gelehrt und war die erste sozialdemokratische Stadträtin in Breslau. Meine Mutter war seit 1918 in der Partei.“ Klaus Trostorff lernte kaufmännischer Angestellter in Breslau, wurde dienstverpflichtet zur Reichsbahn, zum Schienenlegen. In der Freizeit traf er sich mit zwei Freunden. Sie hockten zusammen und redeten über Hitler: Wie schlimm es sei, daß ihm so viele auf den Leim gingen. Mehr war nicht. Aber das genügte für eine Anzeige. Sie wurden verhaftet. Trostorff war sechs Wochen in Untersuchungshaft bei der Gestapo. Dann kam er nach Buchenwald. Das war 1943.