Das erste, was ein Mensch von geringer Intelligenz sagt, ist: „Ich bin intelligent.“ Intelligente Menschen sagen das nicht, oder nur zum Scherz, weil sie nicht genau wissen, was intelligent sein eigentlich heißt. Ich für meine Person bin zweifellos außerordentlich intelligent, weil ich unfähig bin, Intelligenz zu definieren, und es tröstet mich, daß auch die Psychologen nicht genau wissen, was sie ist. Sie läßt sich weder auf geistige Regsamkeit noch auf Kreativität noch auf Intuition reduzieren, sie ist weder identisch mit Sprachvermögen noch mit der Fähigkeit zum Kalkül noch mit handwerklichem Geschick, obwohl sie das alles und noch viel mehr sein kann, teilweise oder im ganzen.

Ich beschränke mich auf die theoretische Intelligenz, von der ich allenfalls sagen könnte, daß sie jene Verfassung mentaler felicitas ist, dank welcher es angesichts eines Problems gelingt, eine befriedigende, klare, schwer zu widerlegende Definition zu geben, die über Jahrhunderte hin bestechend bleibt durch ihre Knappheit, ihre Klarheit, ihre Unangreifbarkeit für den gesunden Menschenverstand und zugleich ihre Fähigkeit, den gesunden Menschenverstand in die Krise zu treiben. Ich glaube, die einzige Probe auf die Intelligenz eines Gedankens ist die Reaktion, die er hervorruft, nämlich der spontane Ausruf: „Mein Gott, wie intelligent der ist!“

Dieser Ausruf entfährt mir nur bei der Lektüre sehr weniger Denker. Wenn ich die Geschichte durchgehe, finde ich in der Antike gewiß Aristoteles und einen Großteil von Plato (man weiß wenig über Chrysippos, der hochintelligent gewesen sein muß), dann weiter Augustinus, oft Abaelard und mit strahlender Gewißheit Thomas von Aquin. Es folgen in meiner persönlichen Klassifizierung: im 17. Jahrhundert Emanuele Tesauro und nach ihm John Locke, im 18. Diderot, Voltaire und vielleicht Kant, im 19. Charles S. Peirce, aber nicht immer, denn er schrieb zuviel und zu fragmentarisch, und seine Schriften werden, scheint mir, seinem Kopf nicht gerecht. Über die Zeitgenossen möchte ich mich nicht äußern, da ist es für Urteile noch zu früh.

Auf jeden Fall scheint es mir angebracht, um sich auf sicherem Grund zu bewegen, der theoretischen Intelligenz eine moralische Definition zu geben: Sie ist nicht nur die Fähigkeit zur Klärung der Dinge, sie ist die Hingabe an die Klarheit selbst, die Entscheidung, ein Leben damit zu verbringen, Klarheit zu schaffen, die Entschlossenheit, notfalls die eigene Existenz dranzugehen, um eine klare und distinkte Idee zu erlangen (wie man bemerkt haben wird, steht Descartes nicht auf meiner Liste, denn ich halte sein „cogito ergo sum“ nicht für eine klare und distinkte Idee).

Kurzum, ich meine, daß Intelligenz noch vor einer Qualität des Verstandes eine Tugend ist – und wie jede Tugend Ergebnis einer Errungenschaft, einer Liebe und einer Bescheidenheit. Allerdings einer sehr stolzen Bescheidenheit.

Ich gebe zu, die Formulierung ist widersprüchlich, aber ich will damit sagen, daß es manchmal geboten ist, auch angesichts einer mühsam errungenen klaren Idee sehr bescheiden zu sein und sich in ihren Dienst zu stellen, ohne sie bloß als Privatsache zu betrachten, und den Mut zu haben, sie zu verteidigen, um erst an der Grenze der physischen Intoleranz haltzumachen, nach dem Motto: Nie einen verfolgen, weil er unrecht hat, und vermeiden, daß er verfolgt wird, aber ihm sagen, daß er unrecht hat; immer gewärtig sein, daß man selber unrecht hat, aber nicht in falscher Bescheidenheit ausverkaufen, was man mit soviel Bescheidenheit aufgebaut hat.

Ich habe lange über Thomas von Aquin gearbeitet und bilde mir manchmal ein, mit ihm auf vertrautem Fuß zu stehen. Aber der Mann ist unergründlich. Immer wieder entdecke ich etwas Neues bei ihm.