Von Ulrich Schiller

Chicago, Anfang August

Frieden für Zentralamerika, Freiheit für Südafrika!" Jesse Jackson, der Prediger und seit seiner ersten Präsidentschaftsbewerbung – wahrscheinlich auch im Hinblick auf die nächste – einer der stärksten politischen Motoren der Schwarzen Amerikas, hämmert es in seinem trockenen Stakkato der Menge ein. Und dann etwas leiser, fast beschwörend, wiederholt er wie eine Zauberformel: We must listen – zuhören müssen wir, den anderen zuhören! Wem da diesmal zuzuhören sei, das wußten die Leute natürlich vorher, und als Jesse Jackson den außergewöhnlichen Gast schließlich präsentierte, sprangen sie mit frenetischem Beifall von ihren Sitzen auf: weit über tausend Menschen, am vergangenen Sonnabend in Chicago, im großen Haus der schwarzen Selbsthilfeorganisation PUSH ( People United to Serve Humanity), vorwiegend Schwarze, aber auch viele Weiße darunter und Mexikano-Amerikaner. Ein aufgeschlosseneres Publikum hätte sich Daniel Ortega Saavedra, der Sandinistenführer und Präsident Nicaraguas, kaum wünschen können.

Mit einer Polizeikolonne und unter großen Sicherheitsvorkehrungen war Ortega aus Denver angekommen, wo er vor der amerikanischen Juristenvereinigung und in einer Kirche gesprochen hatte. Zuvor hatte er in New York geredet. In der für ihr liberales Engagement berühmten Riverside Church war er aufgetreten; in einer Methodisten-Kirche in Brooklyn hatte er donnernden Applaus geerntet; in der New York Times hatte er mit der Redaktion diskutiert und auf einer Dinnerparty der Folk-Sängerin Mary Travers hatte er der linken Schickeria die leibhaftige Präsenz eines echten Revolutionärs beschert.

Dabei war der Sandinistenführer aus Nicaragua in erster Linie in die USA gereist, um vor dem Weltsicherheitsrat der Vereinten Nationen die Wünsche seiner Regierung zu vertreten. "Nicht um Beleidigungen gegen die Regierung der Vereinigten Staaten vorzubringen, sind wir vor den Rat getreten", erklärte Ortega in staatsmännischer Gemessenheit, "sondern um Frieden für die Region und Respekt für das internationale Recht zu suchen." Dem amerikanischen UN-Botschafter Vernon Walters war die Zornesröte schon vorher ins Gesicht getreten. Schließlich hatten ihm auch die Emissäre des Irans, Vietnams, Libyens, Süd-Jemens und Kubas Lektionen über die Heiligkeit des Internationalen Rechts gehalten. Der Anlaß: Der Weltsicherheitsrat mußte über eine Resolution entscheiden, die die Respektierung des Haager Gerichtshofes anmahnte, der am 27. Juni befunden hatte, daß "Bewaffnung und Ausbildung" der antisandinistischen Rebellen, der Contras, nicht rechtens seien und daher eingestellt werden müßten. Nur Amerikas Veto verhinderte am Schluß die Annahme der Resolution im Weltsicherheitsrat; die ständigen Ratsmitglieder England und Frankreich enthielten sich der Stimme. Daniel Ortega aber begab sich auf den zweiten, vielleicht sogar wichtigeren Teil seiner Amerikareise.

Anfangs wirkte er hilflos und linkisch auf dem Podium in Chicago. Der unbekümmerte Lärm der schwarzen Jazzmusiker und der Chorsänger, die zum Synkopenschlag der Hände rhythmisch ihre Körper wiegten, mögen ihn irritiert haben. Sicherer wurde er erst nach der werbenden Einführung durch seine Übersetzerin, seine Frau Rosario Murillo. In einem schlichten grau-grünen Anzug mit einfacher Krawatte – Stiefel, Tarnanzug samt revolutionärer Gesten hatte er zu Haus gelassen – hielt er sich fügsam an die Ratschläge, die ihm die New Yorker Public-Relations-Firma Agendas International mit auf den Weg gegeben hatte. Bitte nicht noch einmal, wie beim letzten Amerikabesuch, in aller Öffentlichkeit eine modische Brille für 1600 Dollar kaufen, hatte die Agentur ihm auch noch geraten.

Die Reisemanager konnten zufrieden mit ihm sein, Ortega gab sich als ein netter Bursche, dem jeder gern Guten Tag sagen würde. Also verkündete der Sandinistenführer am Anfang seiner Rede in Chicago seinen Dank dafür, daß er ein Visum bekommen habe und frei durch die Vereinigten Staaten reisen dürfe. Aus der Zuhörermenge, die dieses Recht für selbstverständlich hält, kam höhnisches Lachen. Doch Ortega dürfte seinen Dank durchaus ernst gemeint haben. Schließlich ist es nicht eben diplomatischer Brauch, daß ein UN-Besucher mit einem A 1-Visum eine Werbetour in eigener Sache anschließt – noch dazu wenn es sich um den Präsidenten eines Landes handelt, mit dem sich Nordamerika de facto in einer Art Kriegszustand befindet. Im State Department wurde denn auch prompt gemurrt: "Wir wußten gar nicht, daß er eine Public-Relations-Kampagne gegen die amerikanische Außenpolitik beabsichtigt." Aber – niemand hinderte ihn daran.