Aber Sanktionen dürfen Südafrikas Wirtschaft nicht ruinieren

Von Marion Gräfin Dönhoff

Der Ruf nach Sanktionen gegen Südafrika hallt weit über den Globus – vom Kapitol in Washington bis Addis Abeba, und von Lusaka bis zur Evangelischen Kirche Deutschlands in Hannover. In London tagten in dieser Woche sieben Länder des Commonwealth, das eine Milliarde Menschen und damit einen wesentlichen Teil der Weltbevölkerung repräsentiert. Der allgemeine Tenor all dieser Veranstaltungen: Ein Blutbad ist nur zu verhindern, wenn schleunigst Sanktionen beschlossen werden. Also: "Sanktionen oder Chaos." Wer anderer Meinung ist – es sind nicht viele kontert: "Erst Sanktionen, dann Chaos."

Um zu ergründen, wer recht hat, muß man sich zunächst die spezifische Situation Südafrikas vor Augen führen, ferner das Ziel, das erreicht werden soll. Und schließlich muß die Frage beantwortet werden, mit welchen Sanktionen dieses Ziel zu erreichen ist und welche Nebenwirkungen man bereit ist, dabei in Kauf zu nehmen.

Zunächst die Zustandsbeschreibung: Südafrika ist kein Staat wie jeder andere. Südafrika ist die abstruse Kombination einer hochentwickelten Industriegesellschaft mit einem höchst primitiven, sehr armen Entwicklungsland. Die herrschende weiße Minderheit hat mit Hilfe von etwa 200 Rassegesetzen dafür gesorgt, daß beide Typen in Reinkultur erhalten geblieben sind. Denn jene Gesetze bewirken, daß die Schwarzen von 87 Prozent des Landes praktisch ausgeschlossen sind, weil sie sich dort nur aufhalten dürfen, solange sie als Arbeiter in der Industrie oder als Diener in den weißen Haushalten nützlich sind. Ist das nicht mehr der Fall, werden sie in eines der homelands abgeschoben. Die Gesetze garantieren den Weißen die unbefleckte Erhaltung ihrer Welt, weil sie als einzige das Wahlrecht ausüben und weil sie in besonderen Wohngebieten nach ihrer Tradition unter sich leben können. Den Schwarzen ist die freie Wahl des Wohnorts und des Arbeitsplatzes vorenthalten, auch sind sie zur qualifizierten Bildung nur in sehr beschränkter Weise zugelassen.

Die Apartheid, die wie ein primitives System aus vorindustriellen Zeiten wirkt, ist in Wirklichkeit ein raffiniertes Herrschaftssystem, ein Netz von wirtschaftlichen Interessen und politischen Maximen, das in vielen Jahrzehnten geknüpft wurde und dem niemand entschlüpfen kann, denn wo immer die Schwarzen ein Loch entdeckt hatten, wurde rasch ein neues Gesetz gemacht.

Wenn die so beschaffene Apartheid, auf der sowohl der Staat wie die Wirtschaft und alle sozialen Vorstellungen und Vorurteile beruhen, nun auf Verlangen der Außenwelt sozusagen mit einem Federstrich abgeschafft werden soll, dann stellt sich der Regierung dies als totaler Zusammenbrach all dessen dar, was aufgebaut worden ist. Wahrscheinlich empfinden die Weißen in Südafrika so, wie wir empfinden würden, wenn wir plötzlich vor der Situation stünden, daß der Vorstand von Siemens in Zukunft von Tamilen oder die Regierungen der Bundesländer von Asylanten übernommen werden sollen.