Daß gepfleget werde / Der veste Buchstab“, wünschte Hölderlin. Wenn schon Dichter, geschweige denn Philologen den Poeten-Wunsch nicht immer erfüllen – ein deutscher Arbeitsrichter hat nun unserer unliterarischen Nation, die Rechtschreibung immer linker handhabt, null Bock auf Grammatik hat und die Muttersprache notzüchtigt, gezeigt, wie man Hölderlins „vesten Buchstab“ pflegt: Der Düsseldorfer Rechtserwies sich auch als Sprach-, ja Buchstab-Pfleger und beugte sich, mit dem ganzen Gewicht und der Autorität des Düsseldorfer Arbeitsgerichts, über den Buchstab e.

Viel Lärm um e? Weit gefehlt! Auch wenn der Streit „in den Augen Außenstehender möglicherweise als in gewissem Maße kleinlich erscheinen mag“, belehrt uns das Gericht, stehe es der Justiz nicht zu, „den grundgesetzlich garantierten Rechtsschutz zu verkürzen“.

Der Fall: Eine Vorstandssekretärin erhält nach Jahren treuer Pflichterfüllung ihr Zeugnis. Was müssen ihre entsetzensweiten Augen entdecken? Daß das Zeugnis sehr gut ist und nur Lobendes enthält, mag ja noch hingehen, daß aber ein Buchstabe zuviel ihr Zeugnis entstellt, das verdunkelt den Lebensabend. Gerühmt wird nämlich im Lob aus der Vorstandsetage nicht etwa ihr „loyales integres Verhalten“, sondern ihr „integeres“. Das ist denn doch zuviel, um den Buchstab e zuviel. Ein Zeugnis, das „mit derart störenden Schreibfehlern behaftet“ ist, mag die ehemalige Vorstands-Schreibkraft, deren Bibel DUDEN heißt, nicht in die private Ablage heften. Der einstige Arbeitgeber indes meint, da er kleinere, nicht ins Gewicht fallende Unvollkommenheiten der Arbeitnehmer hinnehmen müsse, gelte gleiches auch umgekehrt.

So trifft man sich – wir sind in Deutschland – vor Gericht wieder. Mit einem „demoskopischen Sachverständigengutachten“, Anhörungen und spitzfindigen Erörterungen der Kammer über „die Bedeutung der lateinischen Adjektive auf -er nach der O-Deklination ..., bei denen das ‚e‘ nicht stimmhaft ist“, mit Verweisen auf „das Glaubensbekenntnis der katholischen Kirche nach dem Gebet- und Gesangbuch für das Erzbistum Köln“, wonach Christus „sedet ad dexteram (nicht dextram) patris“, also „zur Rechten des Vaters sitzt“, kommt man bequem in die zweite Instanz. Dort wurde, salomonisch, ein Vergleich geschlossen, worüber jetzt die Neue Juristische Wochenschrift berichtet (Aktenzeichen 6 Ca 5682/84): Es bleibt unentschieden, ob „integren“ oder integeren die „für Zeugnisse richtige Schreibweise darstellt“.

Da die Kammer so gut in Fahrt ist, wird gleich auch eine andere Schicksalsfrage geklärt: „Die Umfrage (Demoskopie) ist ein für die Ermittlung richtiger Schreibweisen ungeeignetes Beweismittel.“ Der Prozeßbevollmächtigte der Beklagten konnte dem Hohen Gericht nämlich einen Artikel der Rheinischen Post vorlegen, in dem über den ehemaligen Manager des Fußballvereins Fortuna Düsseldorf zu lesen war, daß er gesagt habe, er lasse sich vom Präsidenten des Vereins „nicht den Ruf eines integeren Mannes kaputtmachen“. Damit, so der Anwalt, sei bewiesen, „daß die von der Beklagten gebrauchte Schreibweise zumindest in Düsseldorf ortsüblich sei“.

Solcher Argumentation mochte die Kammer nicht folgen, denn es sei „fragwürdig, ob es sich bei bewußtem Sportjournalisten um eine Kapazität oder gar Autorität in Fragen der Grammatik han-delt“.

Grundsätzlich äußert die Kammer, daß die „Anwendung des Mehrheitsprinzips (Plebiszit) auf sprachliche und grammatikalische Fragen nicht unerheblichen Bedenken unterliegt“. Selbst wenn man, wie es der Beklagten offenbar vorschwebe, das „Stimmrecht“ auf den „Kreis der Journalisten und Rechtsanwälte begrenzen wolle, so bliebe doch – bei aller Wertschätzung, welche die Kammer für diesen Personenkreis hegt – nach den Erfahrungen des Gerichts nicht gänzlich außer Zweifel, ob dieser Personenkreis als eine reine Republik der Humanisten’ bezeichnet werden könne“.