Literatur und Politik

Von Martin Lüdke

Ein streitbarer Zeitgenosse, immer für eine Überraschung gut, dieser Gore Vidal, der Erzähler und Romancier, der neben "Washington, D. C.", "Duluth wie Dallas" noch eine ganze Reihe von Romanen schrieb, dazu eine große, zumindest umfangreiche Biographie von "Lincoln". Ein Publizist, der in den frühen sechziger Jahren für John F. Kennedy viele Reden geschrieben hat. Ein Kritiker, der häufig, auch noch heute, in der New York Review of Books kräftig auftrumpft. Ein junges Genie, das schon mit 23 Jahren seinen ersten, stark autobiographisch geprägten Roman "Die Stadt und die Pfeiler" veröffentlicht hat. Eine schillernde Figur, die sich gelegentlich hinter Pseudonymen versteckt. Gore Vidal ist, kurz gesagt, eine ungewöhnliche Erscheinung: weltläufig und gewandt, dabei Amerikaner durch und durch, in New York und Boston ebenso zu Hause wie in London, Paris oder Rom, belesen und – klassisch – gebildet, mit der Antike ebenso vertraut wie mit der europäischen Literaturgeschichte, eigenwillig, kritisch, fast perfekt in der Selbstinszenierung.

Die Sammlung von Essays "Über Literatur und Politik", eine Auswahl seiner Arbeiten aus den Jahren 1973 bis 1982, zeigt den "ganzen Vidal", mit all seinen Stärken und seinen – unübersehbaren – Schwächen. Gleichwohl ein verdienstvolles Unternehmen, vergleichbar den Bemühungen des Hanser-Verlages um Susan Sontag. Zu hoffen ist nur, daß auch die jüngeren bislang noch nicht in Buchform vorliegenden Essays und Kritiken Vidals bald dem deutschen Publikum zugänglich gemacht werden, vor allem jene berühmte Abrechnung mit dem amerikanischen Präsidentendarsteller (New York Review of Books), die in Amerika hohe Wellen geschlagen hat und ja leider nach wie vor aktuell geblieben ist.

Die jetzt vorliegenden Essays beschreiben, vor allem anderen, Gore Vidal selber. Eitel und selbstgefällig, schonungslos, manchmal brutal offen, scharf und bissig zieht er über seine Kollegen (zuweilen auch über sich selber) her. Unnachsichtig deckt er die Blößen auf, die andere sich geben. Vidal schätzt, wie er sagt, zum Beispiel Nabokov und besonders schätzt er dessen strenge Ansichten über das Getriebe im Kulturbetrieb. Doch Nabokovs Buch "Strong Opinions" (eine, schreibt Vidal, "Sammlung von Zeitungsausschnitten, in denen er für zukünftige Literaturseminare so ziemlich jedes Interview aufbewahrt, das er in den letzten zehn Jahren gegeben hat") wird von einer herrischen Geste schlicht beiseitegewischt. Wenn es um Kritik geht, versteht Vidal keinen Spaß mehr, gerade weil es ihm Spaß macht, seinen Landsleuten zu zeigen, was in Amerika als "unamerikanisch" gilt. Vidal folgt der Benjaminschen Devise und nimmt so liebevoll wie der Kannibale einen Säugling seine Texte vor, um sie ganz genüßlich zu zerlegen.

Von den "Top Ten", den ersten zehn Titeln der amerikanischen Bestsellerliste, die Vidal alle auf einmal besprach, bleibt nicht viel übrig. Die "große Welt" des Louis Auchincloss, ebenfalls ein Verkaufshit, bringt Vidal fast spielerisch auf ihre wahren Dimensionen zurück. Bei dieser Gelegenheit entwickelt er eine, wenn schon nicht Theorie der amerikanischen Literaturkritik, so doch wenigstens die Phänomenologie ihrer Unmöglichkeit.

Knoblauchzehe und Kruzifix