Daß die Atomkraft des Teufels ist, hat nicht erst Tschernobyl gezeigt; Hiroshima ist schon sehr viel länger ein Synonym für den Fluch des Atoms. Sehr viel deutlicher als zuvor das rasch verdrängte Harrisburgh hat Tschernobyl allerdings erkennen lassen, daß eben auch die friedliche Nutzung der Atomkraft zu hohe Gefahren birgt. Die Angst davor ist nur normal. Wenn die Demoskopen jetzt melden, die Kernenergie habe in der Bevölkerung keine Mehrheit mehr, dann wird das sicher stimmen. Für manche Politiker ist das ein Grund mehr, vielleicht sogar der entscheidende, sich vom Teufelszeug Kernenergie loszusagen. Aber: Lossagen ist einfacher als loswerden.

Das haben auch die Sozialdemokraten erkannt, vorrangig jene, die in der sogenannten Hauff-Kommission dabei sind, den Ausstieg aus der Kernenergie zu programmieren. Der Nürnberger SPD-Parteitag wird sich Ende des Monats mit dem Konzept der Kommission zu befassen haben. Was Volker Hauff und Genossen zusammengetragen haben, ist nicht nur eine Regieanweisung, mit der man auf dem Parteitag den Spontis den Wind aus den Segeln nehmen will. Es könnte vielmehr Basis für einen breiten gesellschaftlichen Ausstiegskonsens sein. Dieser Konsens wird sich gewiß nicht sofort herstellen lassen, wohl aber in absehbarer Zukunft, wenn die politischen Zeiten wieder ruhiger sind, rationales Denken wieder erlaubt und nicht von Wahlterminen beeinträchtigt ist.

Kern aller Überlegungen ist, daß die Mechanismen der Marktwirtschaft staatliche Energiepolitik nicht ersetzen können. Selbst der durch entschiedenes Nichtstun der Marktwirtschaft besonders verpflichtete Bonner Wirtschaftsminister wird schwer leugnen können, daß in der Energieversorgung auf Wettbewerb kein Verlaß ist. Die Energieressourcen, nach wie vor wichtigste Grundlage der Volkswirtschaft, werden sich verknappen. Öl, das heute reichlich und billig fließt, sprudelte vor wenigen Jahren spärlicher und damit teurer. Ein solches Auf und Ab bekommt Volkswirtschaften selten gut. Nur eine gelungene Energiepolitik vermag derartige Schwankungen des Ölmarktes aufzufangen. Die Kernenergie hatte, soweit sie im Elektrizitätsbereich als Konkurrenz zum Öl dazu in der Lage war, durchaus ihren Beitrag geleistet. Wer nun darauf verzichtet, muß Ersatz präsentieren.

Das hat die Energiekommission unter dem früheren Forschungsminister Volker Hauff in einem Katalog vielfältiger Maßnahmen getan. Die wichtigsten sind mit den Stichworten Sparen und Energiewirtschaftsgesetz umrissen. Die Nutzung des längst nicht ausgeschöpften Sparpotentials ist keine neue Erfindung. Damit hatte sich bereits die „Enquetekömmission zukünftige Kernenergie“ Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre intensiv beschäftigt. Konsequenzen wurden daraus aber nur halbherzig gezogen.

Die SPD will hier deutlichere Akzente setzen. Noch steckt beachtliches Potential in Wärmepumpen ebenso wie in Solarzellen oder in der Kombination von beiden. Sonne, Wind und andere regenerative Energiequellen anzuzapfen, führt auch zur Einsparung bei nicht erneuerbaren Energien. Dort sind auch noch ganz andere Reserven vorhanden.

So kann der Wirkungsgrad des Energieeinsatzes erhöht werden. Der Wirkungsgrad der Kohle läßt sich verdoppeln. Das führt dazu, daß bei gleichbleibender Endenergie nur halb soviel Kohle verfeuert werden müßte und daß sich die schädlichen Abgase um die Hälfte verringern. Nicht das Zurück zu fossilen Energieträgern ist „ein Verbrechen an der Menschheit“, wie Bundeskanzler Helmut Kohl meint, sondern der Umstand, daß die Technik, die Energie spart und gleichzeitig die Umwelt schont, nicht optimal genutzt wird.

Wenn energiesparende Techniken bisher nicht ausreichend im Markt sind, liegt das daran, daß ihre Markteinführung durch die billige Kernenergie behindert wird. In Wahrheit ist die Kernenergie aber nur künstlich verbilligt; der Kostenfaktor Entsorgung zum Beispiel konnte noch gar nicht berechnet werden, weil die Entsorgung gar nicht existiert. Um energiesparende Techniken in den Markt zu bringen, müßten sie gefördert werden. Statt Verlustzuweisungen nach Übersee oder in Bauherrenmodelle zu lenken, könnten sie volkswirtschaftlich sinnvoller in die Entwicklung alternativer Energien gelenkt werden. In diese Richtung wird nun in der SPD nachgedacht.