Marco Bellocchio: „Teufel im Leib“

Die Italiener nehmen das Kino viel ernster als wir. Das politische Potential des Zelluloids schätzen sie viel höher ein. Marco Bellocchio, zum Beispiel, war einst der Liebling aller Linksradikalen und gilt auch heute nicht einfach als Filmer sondern als veritable Geistesgröße. Wenn Bellocchio dreht, interessiert das die gesamte Intelligenzija. Diesmal hat Bellocchio einen abtrünnigen Psychoanalytiker als Berater engagiert, die Dreharbeiten als gruppendynamischen Prozeß inszeniert, sich schließlich mit dem Produzenten überworfen. Es geht um den Wahnsinn in seinem neuen Film. Italiens Zeitungen berichteten ausführlich, die Leser diskutierten lebhaft. Ob der fertige Film etwas taugt, gilt als zweitrangige Frage. Da aber der römische Klatsch nicht über die Alpen dringt, bleibt uns nichts übrig, als „Teufel im Leib“ an cineastischen Maßstäben zu messen.

Als 1923 Raymond Radiguets Roman „Diable au corps“ erschien, gab es einen Skandal. Als 1947 Claude Autant-Laras Verfilmung der Geschichte, die vom amour fou eines Gymnasiasten und einer verheirateten Frau erzählt, in die französischen Kinos kam, gab es heftige Proteste. Die Diskussion über Bellocchios Remake beschränkt sich bislang auf Fragen des guten Geschmacks: Ist es degoutant, wenn Bellocchio, in Nahaufnahme, eine Fellatio zeigt?

Für Bellocchio ist es ein Skandal: Seine Vorlage erregte einst öffentliches Ärgernis. Seine Hauptdarstellerin Maruschka Detmers gibt ihr Bestes. Dennoch schafft „Teufel im Leib“ es nicht, seine Zuschauer zu bewegen, gar zu schockieren.

Als skandalös empfinden Kinofreunde nur Bellocchios hölzerne Dialoge, sein holpriges Tempo und seine linkische Inszenierung. Selbst der ketzerische Psychoanalytiker hat nicht verhindern können, daß der Wahnsinn bei Bellocchio aussieht wie ein Possenspiel. Claudius Seidl

Sehenswert

„Kuß der Spinnenfrau“ von Hector Babenco. „40 m2 Deutschland“ von Teyfik Baser. „Der Sommer des Samurai“ von Hans-Christoph Blumenberg. „Das alte Ladakh“ von Clemens Kuby. „Jenseits von Afrika“ von Sydney Pollack. „Trouble in Mind“ von Alan Rudolph. „Momo“ von Johannes Schaaf.