Jeder mochte ihn oder hatte etwas anderes an ihm, das er mochte. Hans Arp, dessen 100. Geburtstag man dieses Jahr feiert, der Elsässer und geborene Grenzgänger, brachte das Kunststück zuwege, ein großer Träumer zu sein und ein Vorreiter der Konkreten Kunst an ihren entgegengesetzten Enden: pur geometrisch und ausschweifend organisch.

Hans Arp (1887-1966) war unter den Surrealisten zu Haus wie unter den disziplinierten Formdenkern von „Cercle et Carre“. Als Protagonist von Zürich-Dada hatte er sich 1916 bemerkbar gemacht. Der Krieg hatte ihn in die Schweiz getrieben, und mit Dada suchte Arp einen Weg aus dem Vernichtungswahnsinn: zurück zur Natur. Ein idealistischer Umstürzler, Clown und polemischer Geist, der notierte: „Wir müssen zerstören, damit diese lausigen Materialisten auf den Ruinen erkennen können, was wesentlich ist.“

Über seine Arbeit – dem „rationalistischen Schwindel“ entgegen, in dem er den Grund allen Übels entdeckt – setzt er als leuchtendes Motto den Zufall. Mit einem Blick nach oben und jenseits spricht er von einem „Gesetz des Zufalls“ und zitiert Novalis, den er schon in seiner Straßburger Schulzeit gelesen hat: „Aller Zufall ist wunderbar, Berührung eines höchsten Wesens.“

Dabei, das ist keine Frage, trifft Arp seine klaren ästhetischen Entscheidungen. Doch liebt er es, ausschaut, zu bleiben. Wenn das, was er sondern ausschaut, als wäre es gar nicht gemacht, sondern geworden. Nicht nur am Anfang ohne Ziel, sondern am Ende noch immer ohne den endgültigen Abschluß. Sein Credo faßt Arp in das Bild des Künstlers als Pflanze: „Wir wollen bilden, wie die Pflanze ihre Frucht bildet.“

Diese Idee eines schöpferischen Prozesses, in dem die Kunst der wirkenden Natur ganz nahkommt, kristallisiert sich in den frühen dreißiger Jahren in einer Gruppe von Reliefs, die Arp „Konstellationen“ nennt und in denen er auf einer jeweils feststehenden Grundlage von Elementen ein Spiel der Vertauschungen und Verwandlungen inszeniert. Dies Prinzip der „Konstellation“ oder „Konfiguration“ im übrigen trug auch in seiner Dichtung reichlich Früchte.

Als er die vierzig schon überschritten hat, beginnt Arp endlich mit der Arbeit an der Rundplastik, gibt er dem Wachsen und Sich-Verändern – seinem Hauptgedanken – eine reale Gestalt. Die Retrospektive seines Werks (auf der ersten Station einer längeren Reise im Württembergischen Kunstverein), in dem weiten Saalquadrat des Stuttgarter Kunstgebäudes zu sehen, stellt die gipsenen, bronzenen, steinernen, quellend-lebendigen „Formlinge“ betont in die Mitte, der zeitlichen Linie entsprechend zu Gruppen geordnet. Geräumige Podien geben den Gebilden die nötige Luft, rücken sie doch aber auch in die Distanz zum Betrachter und machen das Darum-herumgehen und Mit-den-Augen-Tasten nicht immer leicht.

In den Kabinetten außen herum an den vier Wänden schließt sich das Werk der Zeichnungen, Ölbilder, Collagen, Reliefs auf: Da ist der noch unausgegorene Arp, der im Kielwasser der Avantgarden mitschwimmt (auf einigen Blättern gewinnt die Linie schon ihren eigenen Fluß), hier zeigt sich Dada mit akkurat geschnittenen Papierbildern und agilen, rahmenzersprengenden Reliefs, die „Objektsprache“ der zwanziger Jahre, in der Tiefsinn im Narrengewand daherkommt: Nabeltorso und Nabelflasche ... Unter all diesem finden sich die Arbeiten seiner Frau Sophie Taeuber gestreut, mit ihrer sehr eigenen Strenge und programmatischen Durchsichtigkeit. An einigen Stellen verzahnt sich das Werk der Künstlerkollegin mit dem des Lebensgefährten: bei den Gemeinschaftsarbeiten der frühen Zürcher Zeit, den Duo-Zeichnungen und -Plastiken, die in den späten dreißiger Jahren folgen. 1943 markiert Sophie Taeuber-Arps Tod eine Zäsur im Leben und Schaffen von Hans Arp. Als Bildhauer tritt er vier Jahre lang nicht in Erscheinung.