Freundlich, mißvergnügt, entschuldigende Sarkasmen über seine fünf Todkrankheiten formulierend, die ihn seit einiger Zeit zum folgsamen Sklaven von Arztterminen, Medikamenten und Diätvorschriften verdammten – so traf ich ihn noch kürzlich bei Wagenbachs Sommerfest auf der Insel Lindwerder im Wannsee. Um ihn war eine ungewohnte Aura von müder Traurigkeit, mit der er sein Bedauern kundtat, hier nur noch als Zeuge einst beweglicheren Treibens und geselligeren Feierns in Erscheinung treten zu können. Am 1. August, wenige Monate nach seinem siebzigsten Geburtstag, ist nun Robert Wolfgang Schnell in Berlin gestorben.

Wie viele unverkennbare Berliner Malerpoeten war auch er kein sogenannter „Waschechter“, sondern ein Zugereister. Mit dem Berufsberlinertum wollte er nichts zu tun haben. Sein Wesen war deutlich geprägt von der plebejisch herzhaften „Rinnstein-Philosophie“, wie sie in der Malerei und Dichtung von Paul Scheerbart, Peter Hille, Otto Nagel, Else Lasker-Schüler bis zu Günter Bruno Fuchs ihren künstlerischen Ausdruck gefunden hat, deren konsequentere Adepten jene wundersamen Randexistenzen sind, die als Kneipenträumer, Witzbolde der Phantasie und melancholisch verspielte Menschenbrüder Lebenskunst demonstrieren, immer mit Ideen, Hoffnungen und ungeschriebenen Werken prahlend und unerwartet in ihrer friedlichen Querköpfigkeit im richtigen Moment helfend zu Stelle sind, wenn die meisten „Normalmenschen“ zu versagen pflegen.

Robert Wolfgang Schnell wurde 1916 in Wuppertal-Barmen geboren, er begann ein Musikstudium, wollte aber Maler werden, landete jedoch, nachdem ihn die Reichskammer der Bildenden Künste ablehnte und er auch den Anforderungen der Deutschen Röhrenwerke in Mülheim/Ruhr nicht gerecht wurde, als Inspizient am Landestheater Schneidemühl. Nach einem Intermezzo als Opernregisseur in Den Haag wurde er 1944 doch noch als Soldat erfaßt, er desertierte bei passender Gelegenheit und tarnte sich bis zum Kriegsende als Landarbeiter. Als rühriger Kulturarbeiter der ersten Stunde gründete Schnell in Witten ein Theater, dann inszenierte er in Düsseldorf bei Wolfgang Langhoff, der ihn, als er 1946 Intendant des Deutschen Theaters wurde, nach Berlin holte.

Hier betätigte sich Robert Wolfgang Schnell als Regisseur, Dichter, Schauspieler, Mitbegründer von Zeitschriften (Eulenspiegel) und Galerien („Die Zinke“), Maler, Musiker, Restaurator, Drehbuchautor, und gewiß sammelte er noch in einer Reihe weiterer Berufe Erfahrungen. Fachleute und Durchschnittsbürger betrachten Menschen wie ihn in der Regel als „Dilettanten“, und aus der Sicht ihrer erfolgsorientierten Selbstbewußtheit haben sie wohl recht. Schnell machte sich meistens, ehe er die Früchte seiner Arbeit wirklich ernten konnte, unbeliebt, er verkrachte sich, zeigte sich im guten Sinne uneinsichtig. Er half meist da mit, wo es einen Karren aus dem Dreck zu ziehen galt, weigerte sich aber entschieden, sich vor einen Karren spannen zu lassen. Er wußte immer, was er wollte. 1956 schrieb Hans-Henny Jahnn, ein anderer „Dilettant“ und Menschenfreund wie Schnell: „Ist es soweit, daß der Mensch keine eigentliche Lust am Dasein mehr kennt? Lebt er, ohne das Leben mit Überzeugung zu wollen?“

Robert Wolfgang Schnells Erzählungen, seine besten finden sich in den Bänden „Mief“, „Muzes Flöte“ und „Der Weg einer Pastorin ins Bordell“, sind oft Lebensläufe, erdachte oder abgelauschte Autobiographien von Menschen, die ohne Lust am Dasein leben oder einem verfehlten Leben nachjagen. Es sind die Oberflächlichen, die Starken: Überlebende, die Schnell in ihrer ganzen Jämmerlichkeit zeigt, die sich eines Tages doch fragen müssen: „Was wollte ich eigentlich?“ Fast immer kommt ihr Entschluß, alles ganz anders zu machen, zu spät. „Ganz anders“, lautet das letzte Wort des unpolitischen Kleinbürgers in der Erzählung „Im Keller“, der nach dem Tod seiner tapferen Frau einzusehen beginnt, daß er eigentlich gar nicht gelebt hat.

Ohne die Kneipen, in denen seine unbehaglichen und unheimlichen Geschichten oft spielen, ist Schnell nicht denkbar, aber er ist alles andere als ein „Gaststätten-Revolutionär“ oder „Kneipen-Literat“ gewesen. Das Milieu der Kneipen hat er nie verklärt, hier hat er seine Geschichten gesammelt, die „Wahrheit“ der von ihm überlieferten Lebensläufe überprüft und den jeweiligen Erzählgestus gefunden. Das vordergründige Geschehen der Kneipen interessierte ihn kaum, er wußte, daß sich die wahren Ereignisse in den Hinterzimmern, Kellern oder auf den Dachböden abspielten. Die Opfer machte der Erzähler Schnell zu seinen Helden, denn er wollte jene ermutigen, deren Herzen noch nicht kalt und deren Hirne noch nicht leer sind. Klaus Völker