Von Irene Mayer-List

Er nennt ihn „Oskar“, Oskar Lafontaine sagt zu seinem Schützling „Jo“, manchmal auch mit mahnender Stimme „Joseph“: Dann hat Jo Leinen, der im vergangenen Jahr das Fahrrad gegen den blauen Dienstmercedes eines saarländischen Ministers tauschte, dem Landesvater wieder einmal Ärger gemacht. Und dafür sorgt er öfter: Mal vergrault der 38jährige Jungminister die SPD-Genossen, weil er auch dem moskautreuen Marxistischen Studentenbund Spartakus „einen langen Atem und Erfolg“ wünscht. Mal wird der eifrige Verfechter von Tempo 100 in seinem Mercedes innerorts mit Tempo 88 erwischt. Und mal muß er sich kleinlaut entschuldigen, weil er patzig und ohne stichhaltige Beweise andeutet, eine Klage gegen die konservative Saarbrücker Zeitung sei deshalb nicht weiterverfolgt worden, weil Staatsanwalt und Chefredakteur zusammen bei „Trinkabenden“ säßen.

Doch dafür, daß in der vergangenen Woche eine halbe Million vergifteter Fische die Saar und Mosel hinabtrieben und erst nach drei Tagen das Gift im Fluß festgestellt wurde, dafür kann der „Jungspund“ im Kabinett, wie ihn ein Genosse nennt, nun wirklich nichts – auch wenn die saarländische Opposition jetzt seinen Rücktritt fordert. Hatte Oskar Lafontaine, als er den einst aufsässigen Organisator der deutschen Umwelt-, Antikernkraft- und Friedensbewegung an die Saar lockte, um den Grünen Stimmen zu stehlen, nicht gerade damit geprotzt, daß in seiner Regierung der Umweltminister ganz besonders gefördert würde? Er scheint es vergessen zu haben: Dem Ministerium seines Protegés, seinen Labors und Ämtern, teilte er für den Umweltschutz nicht einmal halb so viele Mitarbeiter zu wie der saarländischen Straßenbaubehörde. Und mit 150 Millionen Mark als Umweltetat gab er ihm wahrlich keine Chance, große Sprünge zu machen, geschweige denn ein aufwendiges Umweltalarmsystem an der Saar zu installieren. Wenn man jetzt aber im Büro der Saarbrücker Staatskanzlei anruft und fragt, wo denn der Ministerpräsident während der skandalreichen letzten Woche war, heißt es lakonisch: „Im Büro.“ Das Fischsterben sei ja wohl „eine Sache des Umweltministers“ gewesen. Oskar Lafontaine will mit den „Fehlentscheidungen“ nichts zu tun haben.

Jo Leinen nimmt’s gelassen. Freundlich und scheinbar ausgeruht empfängt er nach der anstrengenden Woche seine Besucher im siebten Stock des „blauen Affen“, wie die Saarbrücker sein häßliches Ministeriumshochhaus nennen.

Hat er sich seinen Job so mühsam vorgestellt? Er lächelt: „Ich habe zehn Jahre in der Umweltbewegung gekämpft, da steht man nicht gleich beim ersten Problem kopf.“ Hat er generell auf mehr Einfluß in der Landespolitik gehofft? Jo Leinen antwortet ausweichend: „Sicher macht man sich in der Umweltbewegung nicht klar, wie viele Stolpersteine es für einen Minister gibt. Manchmal beneide ich meinen hessischen Kollegen Joschka Fischer: Der hat in vielen Bereichen das Hundertfache an Mitteln zur Verfügung.“

Als das Fischsterben am Wochenende begann, joggte Jo Leinen gerade in brütender Hitze bei einem Zehn-Kilometer-Volkslauf und spielte später – er ist Linksverteidiger in einer Altherrenmannschaft – Fußball. Soll er auch noch das Wochenende im „blauen Affen“ verbringen?

Am Samstag alarmierten die ersten Angler an der Saar die Polizei. Ein Polizist, ein „Vertreter des Landratsamtes Merzig – untere Wasserbehörde“ und ein Biologe vom Hygieneinstitut, vermerkt das Protokoll, schauten sich die „weißen, handtellergroßen Flecken“ auf dem Wasser und die ersten toten Fische an, meldeten ihre Beobachtungen flußauf, flußab bis an die Mosel und nahmen Wasserproben. Die ruhten dann bis Montag früh im Kühlschrank eines Labors des zum Gesundheitsministerium gehörenden Hygieneinstituts, das für Umweltvergiftungen zuständig ist. Es gibt dort nur zwei Leute, die verdrecktes Wasser untersuchen können, am Wochenende fehlt ein Notdienst. „Die Leute können nix dafür: Die Umweltdelikte sind gestiegen, aber die Beamten sind noch dieselben“, kommentiert Leinen müde. Was er nicht sagt: Er und der Laborleiter drängten den Ministerpräsidenten schon seit einem Jahr mit Worten und Briefen, das Labor endlich dem Umweltministerium zuzuschlagen und mehr Stellen einzurichten.