Über den Philosophen Hans Blumenberg / Von Eckhard Nordhofen

Man muß sich durch den Blumenberg gegessen haben – und gelangt gerade nicht in ein Schlaraffenland von Sinnerfüllung. sondern in die Wüste der Skepsis. Die Oasen dieses Landes sind seine Geschichten. Geschichten freilich wie Paradiese, kleine Welten, wie Gärten der Erkenntnis.

Schon oft haben die Philosophen die Geschichte von Adam und Eva aufmerksam gelesen. Hans Blumenberg läßt die ersten Menschen glauben, "die Welt ihrer Wahrnehmung sei alles, was es gäbe, und sei ihnen jederzeit und für immer verfügbar". Solche Menschen wären Götter gewesen, nur wußten sie es nicht. Was die Schlange ihnen verspricht, die Erkenntnis von Gut und Böse – ist nichts anderes als der Verlust des Paradieses. Das Böse kennenzulernen und aus dem Garten vertrieben zu werden – das war ein und dasselbe! Nun muß es heißen: "Nicht mehr alles und nicht mehr für immer." Jetzt herrschen Knappheit und Tod.

"Lebenszeit und Weltzeit" heißt das jüngste Buch des Münsteraner Professors. Hans Blumenberg ist ein Philosoph, für den man eine eigene Klasse einrichten müßte, denn er sticht durch den cantus firmus der entschiedensten Nüchternheit so sehr vom Prophetenton der missionarischen Denker ab, daß er geradezu als Advokat gegen die Prediger gelten kann. Die haben freilich immer ihr Publikum. Der gesellschaftliche Posten des Vordenkers bedient öffentliche Bedürfnisse nach geistespolitischer Sprachregelung. Da hat jede Gemeinde ihren Reverend: die Altachtundsechziger fühlen sich von Peter Sloterdijk auf die Seele gegriffen, der säkularisierte Sinnsucher findet bei K. O. Apel seine "Letztbegründung", Techniker, Zahnärzte und Politiker beziehen bei Poppers Zahnärzte Rationalismus" ihre Weltanschauung, Schnädelbach, Habermas und Wellmer halten das Fähnlein der "unnachgiebigen Aufklärung" zusammen, während die Trendsetter des Zeitgeistes für das aktuelle Denken zwar noch nicht den Zuschnitt aber immerhin schon den Titel "Postmoschnitt haben.

Hans Blumenberg kommentiert das Komplementärverhältnis zwischen Prediger und Gemeinde gleichsam aus dem Heidenwinkel des Abseits. Dabei ist er keineswegs verkannt. In der zünftigen Philosophie spricht man nur mit Respekt von ihm. Dafür sorgt sicher schon jene selten gewordene Gelehrsamkeit, die einen philosophischen Schriftsteller erst in den Stand setzt, in der Geschichte und den Geschichten der Theorie umherzuwandeln und alles wie neu aussehen zu lassen.

Seine "als gelehrte Wälzer getarnten Problemkrimis", wie sie der Kollege Odo Marquard bezeichnet, sind wohl keine Bestseller, stehen aber schon bei Erscheinen unter Klassikerverdacht. Daß die Bücher dick sind, liegt auch an der Methode der "Metaphorologie", der entzaubernden Präsentation von vor- und quasitheoretischen Denkheimen. Es sind die Bilder, Szenen, Mythen, Metaphern, die sich als die Wurzeln von Theorien erweisen. Die wollen freilich meist von ihren Wurzeln nichts wissen und machen ihre Entstehungsgeschichte durch den Zauber ihrer Konsistenz und gedachten Autarkie vergessen, oder sie leben von konformen Geschichtslegenden. Gegen letztere wendet sich vor allem "Die Legitimität der Neuzeit" (zuerst 1966) und "Die Genesis der Kopernikanischen Welt" (1975). Die bekannten Arrangements im Museum des Geistes werden in ein anderes Licht gestellt und neu besichtigt. Erstaunlich ist, mit wie wenig Feindseligkeit das abgeht.

Der Narr auf Gottes Thron