DIE ZEIT

Tolpatschig

Hans-Dietrich Genscher, so darf man vermuten, ist dieser Tage ungewöhnlich vergnügt. Zunächst war es ihm gelungen, eine Nachfrage aus Bayern, wie denn, gegebenenfalls, der österreichische Vizekanzler Steger zu behandeln sei, wenn er an dem Anti-Wackersdorf-Festival teilnehmen wolle, so zu benutzen, daß daraus zwanglos eine Demonstration Münchner Tolpatschigkeit auf dem Felde der Außenpolitik entstand.

Picnapping

Diese australischen Erpresser, die Picassos Gemälde „Weinende Frau“ aus der Nationalgalerie von Victoria gestohlen haben und nun eine Erhöhung der staatlichen Kunstsubventionen um jährlich zehn Prozent verlangen, andernfalls sie den Picasso zerstören wollen – handeln in einer vermutlich richtigen Erkenntnis.

Üble Töne

Den chilenischen Carabineros kann man nicht nachsagen, daß sie sich durch Respekt vor der Menschenwürde auszeichnen. Das sollte auch der deutsche Militärattache in Santiago gewußt haben, als er von dieser Polizeitruppe einen Orden entgegennahm und sich mit den Worten bedankte, er wisse Berufsauffassung und Integrität dieser Truppe zu würdigen, die mit ihrem Blut die fundamentalen Werte des Volkes gegen den internationalen Gegner und seine unheilbringenden Ableger verteidige.

Der Westen muß Signale setzen

Der Ruf nach Sanktionen gegen Südafrika hallt weit über den Globus – vom Kapitol in Washington bis Addis Abeba, und von Lusaka bis zur Evangelischen Kirche Deutschlands in Hannover.

Aus falscher Quelle

Die Aufklärung von Terror-Verbrechen ist keine kriminalistische Routinearbeit. Sie verlangt einen ungleich höheren Fahndungsaufwand als die "gewöhnliche" Schwerkriminalität.

Zeitspiegel

Seit 1964, als über den zu lebenslanger Haft verurteilten ANC-Führer Nelson Mandela der berüchtigte „Bann“ verhängt wurde, war es in Südafrika verboten, sein Bild zu veröffentlichen.

Worte der Woche

„Wenn man Druck auf uns ausübt, bis wir mit dem Rücken an der Wand stehen, dann gibt es für uns keine Alternative, als in Selbstrespekt aufzustehen und der Welt zu sagen: Südafrika läßt sich nicht zum Selbstmord zwingen.

Fischsterben im Saarland: Große Worte, wenig Mittel

Er nennt ihn „Oskar“, Oskar Lafontaine sagt zu seinem Schützling „Jo“, manchmal auch mit mahnender Stimme „Joseph“: Dann hat Jo Leinen, der im vergangenen Jahr das Fahrrad gegen den blauen Dienstmercedes eines saarländischen Ministers tauschte, dem Landesvater wieder einmal Ärger gemacht.

Naher Osten: Kleine Schritte

Der israelische Ministerpräsident Schimon Peres war beim marokkanischen Monarchen Hassan II. – nach dem Jerusalem-Besuch des Ägypters Sadat vor bald zehn Jahren der erste offizielle israelisch-arabische Kontakt: ein kleiner Schritt.

Ben Witter: Angetippt

Wovor er seine Kinder immer gewarnt hatte? Vor Erwachsenen, die ihnen Antworten schuldig bleiben, nur um sie zu schonen. Inzwischen ist er Großvater und Witwer geworden und erinnert sich, daß seine Kinder vor zehn Jahren keinem über dreißig mehr trauten.

Wolfgang Ebert: Festspiele

Zwabeck: „Nun zu Ihnen, Herr Genscher: Laut Manuskript sind sie als Götterbote Hermes die Ursache der Leiden des Prometheus, den unser bewährter Seniorendarsteller, Herr Strauß, übernommen hat.

Abtrünnig um des Geldes willen?

Noch vor der Verhaftung der drei RAF-Mitglieder in Rüsselsheim hat Generalbundesanwalt Kurt Rebmann mit tatkräftiger Hilfe von Siemens drei Millionen Mark „ausgelobt“.

Schlag gegen die RAF

Mit der Festnahme von Eva Sybille Haule-Frimpong, die zum harten Kern der „Rote Armee Fraktion“ gezählt wird, gelang der Polizei wenige Wochen nach der Ermordung des Siemens-Managers Beckurts ein empfindlicher Schlag gegen die RAF.

Mehr als ein Abschied

Proteste und Drohungen haben nichts mehr genutzt. Herbert Hupka, der bekannteste Politiker der Vertriebenen, wird dem nächsten Bundestag nicht mehr angehören.

Beiderlei Deutsche – zweierlei Deutsche

Wir haben so getan, als ob nichts wäre“, sagte Nina Grunenberg nach einem Treffen mit Gesprächspartnern aus der DDR, und damit hatte sie bereits eines der ungeschriebenen Gesetze ost-westlicher Begegnungen im geteilten Deutschland erkannt.

DDR-Biographien (VIII): Der Buchenwald-Direktor

Der Direktor wartet in der Verwaltung, in einem der langgestreckten, blaß-gelben Gebäude, den ehemaligen SS-Kasernen. Er heißt Klaus Trostorff und ist Direktor der Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald.

Sylt – eine Insel und zweihundert Punks

Wenn Syltbesucher über Sylt klagen, dann geht es um die Höhe der Kurtaxe oder die zu hohen Preise schlechthin, um zu wenig Sonne und zu viele Autos.

Strafvolllzug: Zensiertes Kuckucksei

Die Gefangenenzeitung der Justizvollzugsanstalt (JVA) Schwerte hat den vieldeutigen Titel Kuckucksei. Was die Häftlinge journalistisch ausbrüten, haben sie dem Herausgeber des Druckwerks Blatt für Blatt vorzulegen.

Hitler-Jugend: Total vereinnahmt

Die Beurteilung der Hitler-Jugend als Sozialisations-Instanz ist noch immer nicht frei von Verallgemeinerungen und Fehleinschätzungen: Man beschwört die mißbrauchte Gläubigkeit, den verratenen Idealismus, hebt die Begeisterungsfähigkeit in dieser Gemeinschaft heraus, in der man sich angeblich nie als Mitglied einer Staatsorganisation, sondern einfach als Angehöriger einer Jugendbewegung sah.

Lohn der Tüchtigen

Wenn aber die Großbanken von Rekordgewinnen reden, dann werden die Politiker wach. Kaum hatten Deutsche, Dresdner und Commerzbank vor wenigen Tagen ihre Halbjahresbilanzen der Öffentlichkeit präsentiert, preschte diesmal der CDU-Bundestagsabgeordnete Dietrich Austermann vor und verlangte, diese Banken sollten ihre Gewinne endlich dazu nutzen, die Kreditzinsen zu senken.

Bonner Kulisse

Bundeskanzler Helmut Kohl hat über seinen Sprecher Friedhelm Ost zwar ausrichten lassen, ein vorzeitiges Bonner Ministergeschiebe sei höchst überflüssig, aber das war offenbar nur ein Signal, um so lauter über ungelegte Eier zu reden, wie man jetzt am Beispiel Franz Josef Strauß und Hans Dietrich Genscher gesehen hat.

Chip-Kartell: Keine Panik

Im Chip-Krieg zwischen den USA und Japan herrscht nun Waffenstillstand. Die beiden Supermächte der Mikroelektronik haben sich nach langem Gerangel geeinigt: Das japanische Handelsministerium wird – wunschgemäß – die Preisgestaltung der heimischen Produzenten überwachen und den Kollegen in der US-Handelsbehörde über Kalkulationen Bericht erstatten.

Öl-Preis: Später Sieg

Die Saudis haben noch immer alle Trümpfe in der Hand. Nichts belegt das deutlicher als das überraschende Ergebnis der Opec-Konferenz in Genf und die Reaktion der Märkte darauf.

Stahlwerk Baoshan: Teure Lehre

Als Pekings Studenten im vergangenen September auf die Straße gingen, um ihrem Unmut über die Reformpolitik Luft zu machen, hatten sie dabei auch das neue Stahlwerk Baoshan bei Shanghai im Visier.

Konkurrenz für die Kader

Die Vertreter der Kraftwerk Union (KWU) konnten ihre Enttäuschung nicht verhehlen. Soeben hatten sie erfahren, daß das von langer Hand vorbereitete Kernkraftgeschäft über vier bis fünf Milliarden Mark, in das sie beträchtliche Vorleistungen eingebracht hatten, nicht in den siebenten Fünfjahresplan (1986 – 1990) der Volksrepublik China aufgenommen worden war.

Weiterbildung: Therapie gegen die Berliner Krankheit

An Warnungen hat es nicht gefehlt: Lehrer seien links, lethargisch und für das Geschäftsleben völlig ungeeignet. Solche Vorurteile kann Karl Lotter, Vorstandsmitglied der Berliner Bank, nicht bestätigen.

MARKT-REPORT: Szenenwechsel

Der deutsche Aktienmarkt hat noch nicht wieder zu einer einheitlichen Linie zurückgefunden. Aber die Kursschwankungen dieser Woche lassen erkennen, daß auf der jetzt erreichten Basis eine Widerstandslinie gefunden scheint.

BANK UND BÖRSE: Alltag auch für Neulinge

Man kann nicht sagen, daß deutsche Privatanleger Aktien übermäßig mögen. Zum Jahreswechsel 1985/86 besaßen sie nur etwa 17 Prozent des Aktienbestandes, der Rest lag bei Banken, Unternehmen, Versicherungen und Ausländern.

Die Lage ist stabil

ZEIT: Die Bundespost hat in Bildschirmtext, kurz Btx, viel Geld investiert und große Hoffnungen gesetzt. Viele Bundesbürger sollten derzeit schon auf elektronischem Weg einkaufen, aber sie ignorierten diese Möglichkeiten.

Riskantes Spiel um einen Konkurskandidaten

Elmar Pieroth spielte bis zuletzt va banque. Als der Berliner Wirtschaftssenator am vergangenen Dienstag nachmittag gemeinsam mit seinem Finanzkollegen Günter Rexroth in Berlin endgültig verkündete, der konkursreife Druckmaschinenhersteller Rotaprint erhalte eine weitere Kreditbürgschaft, da stellte er den Banken und dem Unternehmenswalter Gerd Weiland aus Hamburg noch einmal die bekannten Bedingungen.

MANAGER UND MÄRKTE

Bei schwachgefüllten Verbraucherportemonnaies ist mit Schnickschnack kein Geld zu verdienen. Dies hat die Horten AG schmerzlich erfahren müssen.

ZEITRAFFER

Trotz eines enttäuschenden Wachstums zu Beginn dieses Jahres kommt es nicht zum Konjunktureinbruch. Diese frohe Botschaft untermauert das Ifo-Institut mit Zahlen: So war das reale Sozialprodukt im ersten Vierteljahr zwar nur um 1,6 Prozent gestiegen, aber schon im zweiten Quartal konnte ein Wachstum von 3,5 Prozent registriert werden.

AKTIENSELLER

Die in den vergangenen Wochen veröffentlichten Halbjahresberichte der Banken haben die Aufmerksamkeit auf ihre Aktien gelenkt.

Siebzig Stunden im Tank

Geschafft, wir haben es geschafft, dachte Hamid, als er die irakische Grenzpatrouille sah. Shahriar, der Schmuggler, hatte den Jeep zuerst entdeckt.

Träumereien in der Kapuzinergruft

Tag für Tag schiebt sich ein Besucherstrom durch die Kaisergruft unter dem Neuen Markt zu Wien. Hier ruht das Haus Habsburg von seinen Erdentagen aus; als erster ward Anno 1619 Matthias I.

Aus deutschen Gerichtssälen: Ein ‚e‘ vor dem Kadi

Daß gepfleget werde / Der veste Buchstab“, wünschte Hölderlin. Wenn schon Dichter, geschweige denn Philologen den Poeten-Wunsch nicht immer erfüllen – ein deutscher Arbeitsrichter hat nun unserer unliterarischen Nation, die Rechtschreibung immer linker handhabt, null Bock auf Grammatik hat und die Muttersprache notzüchtigt, gezeigt, wie man Hölderlins „vesten Buchstab“ pflegt: Der Düsseldorfer Rechtserwies sich auch als Sprach-, ja Buchstab-Pfleger und beugte sich, mit dem ganzen Gewicht und der Autorität des Düsseldorfer Arbeitsgerichts, über den Buchstab e.

Stalin und wir

ZBIGNIEW HERBERT: Für mich gibt es keine Alternative zwischen Kommunismus und Faschismus. Wenn jemand als Demokrat geboren ist, wird er nicht zwischen zwei totalitären Regimen nach einer Alternative suchen.

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