Von Erhard Louven

China öffnet sich. Marktwirtschaftliche Methoden und westliche Technik sollen die Ökonomie des Landes leistungsfähiger machen. Doch der neue Kurs kann nur mühsam durchgesetzt werden.

Die Vertreter der Kraftwerk Union (KWU) konnten ihre Enttäuschung nicht verhehlen. Soeben hatten sie erfahren, daß das von langer Hand vorbereitete Kernkraftgeschäft über vier bis fünf Milliarden Mark, in das sie beträchtliche Vorleistungen eingebracht hatten, nicht in den siebenten Fünfjahresplan (1986 – 1990) der Volksrepublik China aufgenommen worden war. In Suan, 130 Kilometer westlich von Shanghai, wollten die KWU-Manager zwei Kernkraftwerksblöcke mit Tausend-Megawatt-Druckwasserreaktoren bauen.

Das war im März dieses Jahres, und man fühlte sich an die Jahre 1980 und 1981 erinnert, als die Chinesen der Wirtschaft schon einmal einen Modernisierungsschub geben wollten. Damals wie heute stellt sich heraus, daß die finanziellen Ressourcen für die geplanten Projekte nicht ausreichten. Es fehlte aber auch allenthalben an chinesischen Fachkräften, die die modernen, aus dem Westen importierten Anlagen in den chinesischen Produktionsapparat einfügen konnten. Zudem machten sich Engpässe im Transportwesen und in der Energieversorgung bemerkbar.

Die damaligen und heutigen Geschehnisse offenbaren einige Grundprobleme der chinesischen Wirtschaftspolitik, die möglicherweise unauflösbar sind und einer schnellen Entwicklung im Wege stehen. Als die chinesische Führungselite im Frühjahr über die konkrete Ausgestaltung des siebenten Fünfjahresplans beriet, gestalteten sich die Verhandlungen äußerst zäh, weil kein Konsens über eine längerfristige und hinreichend detaillierte Entwicklungsstrategie besteht. Pragmatische Reformer um Deng Xiaoping und den Ministerpräsidenten Zhao Ziyang, die die Wirtschaft in zunehmendem Maße mittels Marktmechanismen steuern wollen, stehen den Verfechtern einer an der Planwirtschaft sowjetischen Typs orientierten Gruppe um den Wirtschaftspolitiker Chen Yun gegenüber.

In der Landwirtschaft hat das System der Produktionsverantwortlichkeit, die Rückkehr also zur Eigenverantwortung der bäuerlichen Familien oder von Gruppen von Familien, sehr schnell zu beträchtlichen Erfolgen geführt. Die rege Bautätigkeit auf dem Lande und die bessere Ausstattung der Bauern mit dauerhaften Konsumgütern sind dafür ein sichtbarer Beweis.

Ordnungspolitische Reformen in der Industrie führten dagegen zur Verwirrung, teilweise zum Chaos. Die Kompetenzverlagerung für einen Teil der Investitionen an Provinzen und Großbetriebe hat zu Investitionsstrukturen geführt, die jetzt kritisiert werden. An vielen Stellen hat man sich mit Vorliebe Projekten der verarbeitenden Industrie, die kurze Bauzeiten benötigten und hohe Gewinne versprachen, sowie nicht dringend benötigten Repräsentationsbauten zugewandt. Energie- und Verkehrsprojekte sowie solche der Rohstoffindustrie mit langen Bauzeiten sind jedoch vernachlässigt worden. Die Folgen zeigen sich nun allerorten: die unzulängliche infrastrukturelle Ausstattung gefährdet auch die Wirtschaftlichkeit der Projekte in den verarbeitenden Industrien. Manche von ihnen können etwa wegen fehlender Elektrizität nur weit unterhalb der Kapazität genutzt werden.