„Der Gefangene von Heidelberg“, von Nikolaus Pietsch. Unter Kennern des Ostblocks gilt Rumänien, das sich nach außen ein fast liberales Image zuzulegen verstanden hat, als Polizeistaat. Nikolaus Pietsch hat das selber erfahren: Geboren 1934 in Siebenbürgen, wurde er 1957 wegen „Verschwörung“ und „bewaffnetem Aufstand“ zu zwölf Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Nach sieben Knast- und Lagerjahren „begnadigt“, kam er 1976 in die Bundesrepublik. „Der Gefangene von Heidelberg“ ist eine Art Tagebuch seiner trostlosen Erlebnisse in der neuen Heimat. Der Ich-Erzähler, ein sozialer Außenseiter à la Charles Bukowski, arbeitslos, schwankend zwischen Alkoholexzeß und Weltekel, streunt durch Heidelbergs Altstadt auf der Suche nach Frauen. Dabei reduziert sich die Stadt auf ein paar Kneipen, Kellerlokale, Puffs, eine feuchte Bude in der Unteren Straße und touristische Klischees. Die Kälte der Beziehungen in der Konsumgemeinschaft wirft Nikolaus Pietsch in die Gefängnissituation der Vergangenheit zurück; ein Entfremdungskreis ohne Ausweg. Text-Fragmente erinnern die Kindheit in Siebenbürgen, Hunger, Krankheit und Schrecken der Straflager. Hätte Pietsch sich geduldiger und genauer auf die Imagination seiner rumänischen Erfahrungen eingelassen, wäre ein durch seine Authentizität bedrohliches Buch entstanden. So aber dominieren oberflächliche Heidelberg-Impressionen, West-Klischees um Sex, Suff, Penner, Drogen und Terrorismus. Sie weisen kaum einmal übers Allerweltsgerede hinaus: „Ich halte ihre Hand fest. Ich liebe dich, Marliese! Schwüle Heidelberger Sommernacht.“ Ohne Zweifel ist die Welt in Bruchstücke zerfallen, und wer noch einen zusammenhängenden Roman schreibt, lügt möglicherweise. Doch von Rolf Dieter Brinkmanns, des einsamen Rom-Flaneurs Detail-Besessenheit weiß Pietsch nichts; und der böse Blick trifft stets die anderen (besonders Frauen), nie den Erzähler selber. Das schmale Buch ist mit kleinen grammatikalischen und syntaktischen Fehlern durchsetzt, als handle es sich um eine schlechte Übertragung ins Deutsche: „Am Abend muß ich mich zur Prügel melden.“ Oder: „Ich bitte um Hilfe, aufs Klo zu gehen.“ Mir ist unklar, ob das Lektorat geschlafen oder solche Formulierungen als rumäniendeutsche Eigentümlichkeit absichtlich stehengelassen hat. (Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1985; 106 S., 8,– DM.) Michael Buselmeier

„Ohnesarg, Gedichte und ein dokumentarischer Bericht“, von Ilse Blumenthal-Weiss. Der vierte Gedichtband von Ilse Blumenthal sollte endlich bemerkt werden. Die 1899 geborene Dichterin lebt heute in New York. Ihr erster Gedichtband „Gesicht und Maske“ erschien 1929 im Berliner Hören-Verlag. Mit Rilke, Hesse, Lasker-Schüler, Nelly Sachs, Celan und vielen anderen stand sie in freundschaftlicher Verbindung. 1937 floh die Familie vor der Judenverfolgung aus Berlin nach Holland. Der Sohn wurde erschossen, der Mann in Mauthausen umgebracht. Ilse Blumenthal überlebte Theresienstadt, mit Mutter und Tochter. Die Erfahrungen der Verfolgung nennt sie unverwindbar. Die jüngsten Gedichte handeln davon. Sie machen nicht viele Worte (ein Berliner Erbteil?), sind fast lakonisch, was auch der Ehrfurcht vor den Toten geschuldet ist. „Vorgang“: „Die Asche auf meinen Lippen/ Versiegelt das Wort./ Ich sage aus/ In der Sprache des Schweigens./ Mit dem tonlosen Laut,/ Der den Schmerz entblößt.“ Das Schicksal des einzelnen wird im andeutenden Spruch verbindlich für alle. „Rückblick“: „Daten. Die Daten/ Ich weiß. Ich weiß./Damals. Die Taten./ Kind. Frau. Mann. Greis./Irgendwer. Irgendwann./ Tod führt an.“ Blumenthal, 1947 nach New York gezogen, hat in einer Feuerzeugfabrik gearbeitet, graphologische Gutachten erstellt, war dann fast 20 Jahre Bibliothekarin im Leo-Baeck-Institut. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis über allem „Erlebnisstoff Holocaust“ literarisch gesprochen werden konnte. „Exil“: „Was mir gehört,/ Ist die Vergangenheit,/ Die flüchtige Wolke/ Und die Dornbuschglut.// Was mir gehört,/ Ist das erloschene Licht,/ Der Klumpen Eis/ Vor Haus- und Zimmertür.// Was mir gehört,/ Das Niemehr-Heimatland/ Und eine Sprache,/ Die mir nicht gehört“. – Der dem Band beigegebene Bericht erzählt vom Schicksal der verfolgten Familie, das kein Einzelschicksal war und doch einige Besonderheiten kannte. Das Buch ist ein großes Zeugnis und ein bedeutender Gedichtband zugleich. (Mit einer Einführung von Günter Kunert; Postskriptum Verlag, Hannover; 80 S., 16,80 DM.) Alexander von Bormann

„Pepe Carvalho und der tote Manager“; „Tahiti liegt bei Barcelona“, Kriminalromane von Manuel Vázquez Montalbän. Als Stadtführer Barcelonas und Reiselektüre für Spaniengourmets sind die Thriller von Vázquez Montalban Pflichtlektüre. Denn Pepe Carvalho, Privatdetektiv, Ex-Kommunist, Ex-CIA-Agent und Kultfigur in Spanien, ist gleichermaßen hervorragend als Koch und als Beobachter des Alltags von Barcelona. Kultur, Ideale, sind für ihn, einen seelischen Kriegsversehrten des Franco-Regimes, Ideologie. Und das zum Zeitpunkt der Handlung frisch demokratisierte Spanien ist kein Ort der Hoffnung. Carvalhos Abenteuer in der Welt der Manager und Drahtzieher kann er nur als Zyniker ertragen; Demokratie als modisches Mäntelchen für die wirtschaftlich Mächtigen von Gestern, die, um ganz sicherzugehen, nun auch noch in der Politik mitmischen. Wer nicht mitmacht, wird ermordet („Der tote Manager“) oder findet den Tod durch Entwurzelung („Tahiti“). Obwohl der Übersetzer sich plump darum bemüht, ist das Ganze kein antikapitalistisches Trauerstück. Zwinkernde Verweise auf die großen amerikanischen „lonely wolves“; Ironisierungen der Haute Volée; die Gerüche der engen Gassen Barcelonas und der Kochtöpfe Carvalhos machen Essen, Trinken und das alltägliche Leben in Bacelona zu einer annehmbaren Alternative im Kapitalismusbetrieb, (rororo Thriller 2680; 2698; Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek, 1984, 1985; 140 S., 179 S., 5,80 + 6,80 DM.) Margaret Schiubach Rüping