Von Raimund Hoghe

Ich komme ungelegen. "Was wollen Sie?" fragt Willy Millowitsch zwischen zwei Proben, auf dem Weg zum Telephon. Mein Hinweis auf das vereinbarte Gespräch scheint ihn nicht eben froh zu stimmen. "Warten Sie", meint er im leeren Theaterfoyer, streckt mir kurz die rechte Hand entgegen und hält in der linren schon den Telephonhörer. Während er eine Nummer wählt, gehe ich in eine andere Ecke des Foyers und warte. Willy Millowitsch hängt ein und verschwindet durch eine der Türen. Ein Herr aus der Verwaltung beendet meine Suche nach dem kölschen Denkmal und führt mich zu ihm, in eine kleine Garderobe des Landestheaters Neuss, wo gerade die Fernsehaufzeichnung einer Bühnenversion von Erich Kästners "Drei Männer im Schnee" vorbereitet wird. In der Titelrolle, als "Das lebenslängliche Kind": Willy Millowitsch, 77, Komiker.

"Der Bürger als Edelmann". Als aufstiegs- und titelbewußter Monsieur Jourdain stand der Kölner Volksschauspieler 1980 zum erstenmal auf der Bühne des rheinischen Landestheaters. Seit dem erfolgreichen Debüt in Molières Komödie ist er jetzt in jeder Spielzeit in einer Inszenierung in Neuss zu sehen. Als zweites Standbein will er die regelmäßigen Abstecher nicht sehen. "Mal ’ne Abwechslung ist es, kein zweites Standbein", betont er und weist werbend auf die nächste Produktion im eigenen Haus, das er von seinem Vater übernahm und seit mehr als vierzig Jahren leitet. "In Köln haben wir am 9. Oktober Premiere mit dem musikalischen Lustspiel ‚Die Prinzessin vom Nil‘."

Schon 1920, bei seinen Eltern, sei das Stück ein großer Erfolg gewesen, ebenso 1934/35 und zuletzt 1947. Ob er noch Erinnerungen an die Aufführung im zerbombten Köln habe? "Sicher. Ich weiß das noch genau – ich hab’s ja selbst inszeniert. Was die Stücke in meinem Haus anbetrifft, die mach’ ich immer selber", berichtet er und erzählt in seiner Neusser Garderobe weiter von der Prinzessin vom Nil, "einer Mumie in einem Antiquitätengeschäft. Diese Mumie ist die Tochter des Königs Ramses aus Ägypten. Sie ist vor 2000 Jahren bei lebendigem Leib eingemauert worden von ihrem Vater, weil sie mit einem Sklaven zusammen war." Und weil sie sich vor ihrem Tod noch wünschen konnte, alle tausend Jahre für einen Tag das Licht der Welt erblicken zu dürfen, kann sie im Lustspiel für Verwirrung sorgen. "Sie wirbelt zwei Akte durch das Stück und am Ende ist sie wieder weg. Das ist die kleine mysteriöse Geschichte." Welche Rolle er darin spiele? "Die Hauptkomikerrolle, das Faktotum der Antiquitätenhandlung", stellt Millowitsch fest und beschäftigt sich weiter mit dem Inhalt seines auf dem Garderobentisch liegenden Aktenkoffers, überfliegt Briefe und beantwortet nebenher Fragen. Zum Beispiel nach den Anfängen der traditionsreichen Theaterfamilie, die 1796 zum erstenmal in Chroniken der Stadt Köln auftaucht: Moritatensänger war der Ururgroßvater, später hatte die Familie ein Puppentheater – bis Millowitschs Großvater am Ende des vorigen Jahrhunderts neben Puppen auch Menschen auf die Bühne brachte.

Millowitsch selbst stand schon als Kind auf den berühmten Brettern, seit er vierzehn war, hat er ständig gespielt. "Ich hab’ nichts gelernt, nur Theaterspielen – und das hab’ ich auch nicht gelernt, denn ich war ja nie auf einer Schauspielschule." Nach kurzer Pause fügt er hinzu: "Heute bin ich froh darüber, weil die jungen Leute auf der Schauspielschule eine falsche Einstellung zum Theater bekommen, nur Klassiker spielen wollen und nicht die humoristischen Seiten eines Lustspiels. Man soll das mitnehmen und nicht sagen, ‚das ist nichts, ich spiele nur Klassiker‘ – sie glauben, darin liegt die Seligkeit." Leiser geworden meint er: "Leuten Lachen und Frohsinn bringen, ist auch ein gutes Werk. Das sollte man nicht vergessen."

Das Millowitsch-Theater vergaß den Frohsinn auch nicht während des Krieges. Ob an der Front in Frankreich, Holland, Belgien, Ober- oder Niederschlesien: gespielt wurden bewährte Schwänke, "dieselben Stücke wie immer, Lustspiele zum Lachen, Lachen, Lachen. Ich habe Fronttheater gemacht bis zum totalen Krieg. Dadurch bin ich glücklicherweise vom Soldatspielen befreit gewesen. Ich hab’ nie eine Uniform angehabt, außer in dem Lustspiel ‚Der Etappenhase‘", berichtet der Schauspieler und weckt Erinnerungen an andere Unterhaltungskünstler, die damals ebenfalls für Bombenstimmung sorgten: "Davon geht die Welt nicht unter..."

Ziele habe Willy Millowitsch keine mehr, schrieb ein WWt-Journalist anläßlich seines 75. Geburtstags vor zwei Jahren. "Keine Ziele? Quatsch. Wer hat das geschrieben? Ich spiele nach wie vor Theater, bis zur letzten Minute. Ich denke nicht daran, mich zur Ruhe zu setzen", erklärt er unwirsch. "Ihre Kollegen" – ein Seitenblick zu mir – "leider, alle schreiben Blödsinn. Wo ich ihnen was erzähle, kommen sie mit falschen Fakten oder verstehen nicht, was ich sage." Er winkt ab und läßt für einen Moment durchscheinen, was im allgemeinen hinter selbstgewissem Auftreten verborgen wird: Verletzbarkeit. Doch darüber ist mit dem Prinzipal kaum zu reden.