Von Rolf Ackermann

Selbige Stadt Florenz ist sehr volkreich und mehret sich um ihrer guten Luft willen; die Bürger sind wohlgesittet, die Frauen sehr schön und reich geschmückt; die Behausungen sind prächtig, voll aller Gewerbe zu Nutz und Ergötzen mehr denn andre Städte Italiens. Um welcher Dinge willen viele von weither kommen, die Stadt zu sehen, nicht gezwungenerweise, sondern um der Vortrefflichkeit willen der Gewerbe und Künste und der Stadt Schönheit und Zierde zuliebe“ : 680 Jahre sind vergangen, da der in der Kirche Santa Trinita bestattete florentinische Chronist Dino Compagni seine Heimatstadt am Arno so trefflich beschrieb. Verändert hat sich seither kaum etwas, zumindest oberflächlich betrachtet.

Mit rund 470 000 Einwohnern strotzt Florenz weiterhin vor Vitalität. Die Frauen sind, läßt sich das überhaupt derart verallgemeinernd feststellen, noch immer sehr schön und auf jeden Fäll (modisch) reich geschmückt, und an Besuchern, die der Stadt Schönheit und Zierde zuliebe von weither kommen, mangelt es nicht.

Zehn Millionen Touristen strömen jährlich zum Kunstherzen der Toskana. Das Gros beschränkt sich auf das centro storico, wandelt vom Dom zur Piazza della Signoria, eilt durch die altehrwürdigen Uffizien, hetzt gegen fünf Uhr nachmittags, kurz bevor dichtgemacht wird, zum Palazzo Pitti. Orte, an denen der Geruch des Gewesenen haftet, sind Pflichtübungen der Kunstpilger. Kaum einer tut es Hippolyte Taine gleich, der 1910 sinnierte: „Was kann man über eine Galerie sagen, in der es 1300 Bilder gibt. Ich, meinerseits, verzichte“, und der die Uffizien mied und sich in die lauschigen Winkel der Stadt zurückzog.

Deren aber gibt es im heutigen Florenz kaum mehr. Die Stadt ist molto rumorosa, sehr laut und wird vom Lavastrom der Besucher und Blechkarossen erstickt. Die von Dino Compagni einst so gepriesene gute Luft ist abgasdurchsetzt. Die Florentiner haben längst Konsequenzen aus der Touristeninvasion gezogen. Florentinischer Alltag findet entweder hinter verschlossenen Türen, auf Dachterrassen, in Parkanlagen oder auf dem Lande statt. Alleinsein, was in diesem Falle Untersich-Sein bedeutet, fällt in Florenz schwer. Die Studenten der Akademie für Schöne Künste in der Via Ricasoli versuchen es zwar beharrlich mit einem großen Schild am hölzernen Eingangstor, „Dies ist eine Schule – kein Museum“, aber gelegentlich klickt dennoch ein Kameraverschluß in dem mit Statuen bestückten Innenhof. Allein, unter sich, florentinisch-geruhsam und unbeobachtet kann man im centro nicht mehr sein.

Dennoch, auch wenn es wundersam erscheint, oftmals nur wenige Schritte von den Hauptverkehrsadern des Massentourismus entfernt, versteckt sich noch manch idyllisch-geruhsames Fleckchen. Gianfranco, einer jener Kunststudenten, die unter den Augen der Statuen von Galileo Galilei, Pier Antonio Micheli und Amerigo Vespucci an den Uffizien täglich Touristen für 50 000 Lire porträtieren, zieht sich beispielsweise allabendlich mit seinen Freunden zum Forte di Belvedere zurück. Kaum daß die Besucherscharen der Boboligärten fünfsprachig zum Verlassen des Parks aufgefordert werden, schleichen ruhebedürftige Jungflorentiner durch einen angeblich verschlossenen Nebeneingang des Forts am Ende der Costa San Giorgio zu den nun menschenleeren Wiesen und Mauern hoch oben über der Stadt. Geht die Sonne hinter dem Hügel von S. Maria del Caroline unter, sind es allerhöchstens Knutschlaute und Gitarrenklänge, die vom Abendwind über die Stadt geweht werden.

Monica, florentinische Pisanoschönheit mit unendlich viel Grandezza, unterrichtet an einer Sprachschule. Die Restaurants der Stadt meidet sie (das vegetarische Schlemmerstübchen in der Via delle Ruote Nr. 22, wo’s für 10 000 Lire abendfüllende Menüs gibt, ausgenommen). „Zu teuer, zu schlecht“, sagt sie. „Eine halbe Stunde mit dem Wagen hinaus ins Mugello, zu Francesco in Borgo S. Lorenzo, für ein gutes florentinisches Abendessen lohnt sich das immer.“ Eine Alternative ist Mamma Ginas Trattoria im Borgo S. Jacopo, aber erst kurz vor Mitternacht, oder, soll’s billig und schnell sein, die Paninothek an der Piazza Mercato Centrale.