Pop-Jazz und subtile Songs: Gilberto Gil in München

Gilberto Gil ist in Deutschland ein fast noch Unbekannter. Wenn es nach den wenigen ginge, die ihn kennen, könnte das auch so bleiben. Sie hüten ihr Wissen gern und erinnern dabei an Leute, die um beinahe jeden Preis den Namen ihres Urlaubsortes verschweigen, damit bloß keiner auf den Gedanken komme, etwa auch dort seine Ferien zu verbringen und in dem Idyll zu wildem. Solche Geheimniskrämerei ist verständlich: denn oft erweisen sich die Insider-Entdeckungen als nicht resistent genug: Sie schaffen es nicht, den drohenden Deformationen standzuhalten, die das plötzlich erwachte Interesse der vielen mit sich bringt. Erfolg verändert, so oder so, und die Gefahr, daß die letzten Verstecke auf der Erde ebenso wie die letzten kleinen Nischen der internationalen Pop-Musik ihren Charme, ihre Eigenwilligkeit und ihre Unzulänglichkeit zugunsten langweiliger Perfektion aufgeben (oft auch noch freiwillig), ist allzu groß.

Doch die Pop-Musik ist seit geraumer Zeit ohne Ideen, und wenn aus der unvermindert gewaltigen Flut der überflüssigen Neuerscheinungen endlich einmal etwas auftaucht, das verdient, gehört zu werden, weil es eine eigene Schönheit hat; wenn inmitten der lustlos heruntergenudelten Routinemusik eine Schallplatte erscheint, der man anzuhören glaubt, daß die Beteiligten bei den Aufnahmen sogar Vergnügen empfunden haben; wenn etwas nicht nur deshalb veröffentlicht wird, weil man damit den allein seligmachenden, schnellstmöglichen Eintritt in die Charts schaffen will; ja, wenn man endlich wieder einmal Musik zu hören bekommt, die nicht nur unter dem strengen Regiment des Drum-Computers marschiert – dann darf man seine Freude nicht für sich behalten, dann muß man das einfach weitersagen.

Einzigartiges Stilgemisch

Doch halt! Gilberto Gil, der freundliche dunkelhäutige Afrobrasilianer aus Salvador, ist weit davon entfernt, einer brotbeuteligen Natürlichkeit sein Ständchen zu bringen. Auf seiner vor wenigen Wochen erschienenen Platte „Dia Dorim/Noite Neon“ geht es durchaus modern zu, und der gerade noch verwünschte Drum-Computer wird in nicht nur einem Stück ausführlich verwendet.

Aber trotz aller weltläufigen Professionalität im Umgang mit neuzeitlichen Instrumenten und Methoden, Pop-Songs zu arrangieren, bleibt Gilberto Gib Musik auf eine fast kindliche Weise verspielt. Die unselige Schlagzeugmaschine hat sein langjähriger Produzent Liminho so originell und so amüsant programmiert, als wolle er sich damit über den technokratischen Bierernst, mit dem der Rhythmus-Synthesizer gewöhnlich durch die sogenannt tanzbaren Popsongs peitscht, einfach lustig machen. So läßt er den Apparat etwa in dem Song „Logos versus Logo“ im Refrain auf der der Baßtrommel zugehörigen Frequenz einen Wirbel ausführen, den allenfalls ein agiler Step-Tänzer mit beiden Füßen zustande brächte, und umspielt in „Barracos“ mit hypermodernen Drum-Sounds ein beinahe altbacken-jazzig phrasiertes Posaunensolo.

Wäre Gilberto Gils Musik allenfalls für solche Gags gut, wäre sie nicht gut, und ihr Reiz verlöre sich schnell. Dafür, daß er lange hält, sorgt nicht zuletzt das einzigartige Stilgemisch, aus dem Gil seine Songs zusammenfügt. Er beherrscht natürlich alle Spielarten der brasilianischen Musik, die Samba, die Bossa Nova, aber man hört auch überall seine Vorliebe für Reggae und Salsa heraus, die ihrerseits schon wieder Stilgemische sind, selbstbewußte Bastarde aus zahllosen lateinamerikanischen Rhythmen und Tanzen. Aber Gilberto Gil ist auch ein großer Verehrer der Beatles, und es heißt, sein Interesse für Jazz sei ausgerechnet von einem deutschen Musiker geweckt worden, von Klaus Doldinger, der mit seiner Band vor vielen Jahren in Gils Heimatort gastiert hat.