Schramberg

Es ist nun bald zweitausend Jahre her, daß in Jerusalem eine Frau auf frischer Tat beim Ehebruch erwischt und vor den Rabbi Jesus geschleppt wurde. Die Moralapostel bedrängten den Mann aus Nazareth, der heute noch als Gottes Sohn verehrt wird und damals als Freund der Sünder verschrien war: „Im Gesetz hat aber Mose geboten, solche zu steinigen. Was sagst du nun?“

Die Antwort wurde weltberühmt: „Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf sie!“ Die Umstehenden, die eben noch ein Todesurteil gefordert hatten, waren ehrlich und gingen davon. Die Ehebrecherin blieb ohne Strafe.

Ein evangelischer Pfarrer des baden-württembergischen Fremdenverkehrsortes Schramberg fand dieses Jahr weit weniger Verständnis. Seinen Kirchenoberen war gemeldet worden, er habe ein „außereheliches Liebesverhältnis“. Da half ihm nicht, daß sein Kirchengemeinderat für ihn sprach („kein Grund, ihn als Person und Pfarrer fallen zu lassen“). Die Kirchenleitung beeilte sich, den sozial und politisch engagierten Mann vors Disziplinargericht zu bringen.

Die kirchlichen Richter urteilten gnadenlos und steinigten den Sünder beruflich: der Amtsbruder, der „gefehlt“ hatte, verlor im Januar 1986 alle Rechte des geistlichen Standes, bekam Berufsverbot. Gemeindemitglieder reagierten ob dieser Härte verärgert und verständnislos, Außenstehende fühlten sich in ihrem Urteil über eine scheinheilige Moral der Amtskirche bestätigt.

Nun ist Positives von der so geschmähten Kirchenjuristerei zu melden: der Lutherische Senat des Disziplinargerichtshofs der Evangelischen Kirche Deutschland hat das Urteil korrigiert. Der Pfarrer wird wieder in den Kreis der Amtsbrüder (und -schwestern) aufgenommen, erhält die Rechtsstellung eines „Geistlichen im Wartestand“. Das heißt: der Mann, der seiner Kirche viele Jahre treu (und kritisch) gedient hat, bekommt wieder Bezüge (rund zwei Drittel seines ehemaligen Gehalts) und kann nach einer Frist von zwei Jahren wieder als Pfarrer beschäftigt werden. E. K.