Warum versteifen sich viele Studenten darauf, eines Tages einen Job an der Hochschule zu erwischen, obwohl ihre Chancen auf Anstellung fast Null sind? Warum interessieren sie sich überhaupt nicht für andere Berufe? Diese Fragen stellte mir neulich ein Universitätsprofessor. Seine Studenten, so scheint es ihm, warten nur darauf, daß andere etwas für sie tun, anstatt ihre Zukunft in die eigene Hand zu nehmen. Seine Bemühungen, ihnen weiterreichende Berufsperspektiven zu zeigen, haben geringe Resonanz. Der Professor versteht seine Studenten nicht. Nur zu gern wüßte er den Grund für ihre Gleichgültigkeit.

Er selber gehört dem Jahrgang 1932 an und ist seit seinem 34. Lebensjahr ordentlicher Professor der Ethnologie. Ich bin Geisteswissenschaftlerin, seit drei Jahren ohne Anstellung. Ich möchte versuchen, ihm das Verhalten der Studenten zu erklären.

Ich begann in einer Zeit zu studieren, als man sich während des Studiums keine ernsthaften Gedanken über die Berufsaussichten machte. Im großen und ganzen schien es egal, was man studierte. Entscheidend war das Wie. Studierte man mit Begeisterung, würden sich Berufsperspektiven schon von selbst einstellen. Man schaute zu, die Studienzeit so gut wie möglich zu nutzen, möglichst viel zu lesen und zu erfahren.

Ende der siebziger Jahre hatte sich die Arbeitsmarktlage besonders für Geisteswissenschaftler verändert. Dreißig Bewerbungen für wissenschaftliche Mitarbeiterstellen an Universitäten und Instituten in der gesamten Bundesrepublik waren nach zwei erfolgreichen Examina in Soziologie und Ethnologie nun schon nötig. Heute sieht es, nach Angaben von Professor George Turner, dem Wissenschaftssenator von Berlin, für Ärzte, Tierärzte, Wirtschaftswissenschaftler, Anwälte, Architekten und Bauingenieure ähnlich aus.

Die wichtigen Wanderjahre – die Mitarbeit bei verschiedenen Forschungsprojekten – konnten nicht mehr selbstverständlich angeschlossen werden. Ohne empirische Praxis aber ist ein sozialwissenschaftliches Studium sinnlos. Schließlich fand ich dennoch eine Mitarbeiterstelle in einem Projekt an der Universität und anschließend sogar noch eine zweite. Vor wenigen Jahren noch wäre dies die beste Sicherheit für das weitere Fortkommen gewesen. Danach jedoch war alles aus.

Die Bewerbungsschreiben zählte ich nicht mehr. Häufig sind die Ausschreibungen fingiert – die Stellen sollen gar nicht besetzt werden oder sie sind längst besetzt. Ich habe mich bei Rundfunkanstalten beworben, bei Personalberatungsbüros, bei Museen, Versicherungen, bei den Verwaltungen und Übersetzungsdiensten der Europäischen Gemeinschaft, bei den Parteien, bei eher obskuren, weil mit Chiffre arbeitenden Redaktionsbüros bis hin zu Institutionen, die im Sozialbereich tätig sind – ich habe mich beworben, als sei ich zum Alleskönner avanciert.

Aber auch wenn ich Erfolg gehabt hätte, hätte mir das beruflich schaden können. Weicht ein Soziologe, ein Historiker, ein Archäologe von seinem vorgegebenen akademischen Berufsweg ab, so wird er mit Argwohn betrachtet. Die Universität verzeiht einen solchen Seitensprung in die „Unwissenschaftlichkeit“ nur selten. Der Ausbildungsweg eines Akademikers hat einen vorgeschriebenen Gang, der zu bestimmten Aufgaben befähigen soll. Werden dem Akademiker diese Aufgaben vorenthalten, ist der Weg eine Sackgasse gewesen. Irgendwann erreicht man den Punkt, wo man nur noch Haß gegen all die verspürt, die zufällig fünf oder mehr Jahre früher auf diese Welt gekommen sind und allein deswegen heute einen richtigen Beruf haben.