ARD, Sonntag, 3. August: Absage an den Weltuntergang. Die Hoffnung der neuen Optimisten“. Ein Film von Gerhard Bott.

Bei Jacques Monod noch mußten wir lesen, wir seien bloß Zigeuner am Rande des Universums. Die Evolution war gerade dabei, uns fallen zu lassen. Zufall und Notwendigkeit bestimmten ihr Spiel, nicht wir. Von Hoimar von Dittfurths düsteren Prognosen begleitet, schlingerten wir als Opfer unserer eigenen Dummheit durchs All, dem Supergau entgegen. Jetzt aber wird endlich alles gut. Wir werden optimistisch. Eine aufgeregte Reportage im ARD-Programm hat uns davon unterrichtet: „Absage an den Weltuntergang“ – Gerhard Bott besuchte kalifornische Wissenschaftler (Physiker, Chemiker, Biologen und Ingenieure von Rang), die den neuen Optimismus kreierten.

Sie sind keine Gratis-Optimisten, keine Gesundbeter. Sie glauben nicht, daß unsere Technokratie Zukunft hat. Sie sagen: ein Überleben der Welt, wie wir sie kennen, ist nicht möglich. „Wir befinden uns an einem epochalen Zeitpunkt der Evolution“. Unsere mächtigsten Interessengruppen seien unempfindlich geworden gegenüber Fragen, die die Zukunft des Planeten entscheiden. Unterdrückung und Ausbeutung bestimmten bisher unser Bewußtsein. SDI, sagen sie, sei ein „gefährlicher Aberglaube“. Ihren Optimismus schöpfen sie einzig aus der Hoffnung auf radikale Veränderung, deren Notwendigkeit und Wahrscheinlichkeit sie naturwissenschaftlich begründen.

Auf die biologische und metabiologische (geistig kulturelle) wird eine willentliche Evolution folgen. Es sei wissenschaftlich unwahrscheinlich, daß ausgerechnet der Mensch nichts dazulernen könne. Selbstorganisation und Selbstverstärkung von Bewegungen (wie sie von den Naturwissenschaften beobachtet werden) seien auch gesellschaftlich möglich. Man organisiere sich schließlich schon in autonomen Gruppen wie in Bürgerinitiativen zu Gunsten einer ökologischen Ethik. Es sei schon etwas in Gang gekommen, das auf „Fluktuation“, auf Veränderung des gesellschaftlichen Bewußtseins hoffen läßt. Nach physikalischen Erfahrungen könne jeder einzelne zum Katalysator werden, der einen Sprung in einen neuen Zustand möglich macht. Der Biologe Jonas Salk sieht eine „Ära gesellschaftlicher Hypnose zu Ende gehen“. „Der Mensch wird erwachen“, schwärmte die Zukunftsforscherin Marilyn Ferguson, von keiner kritischen Frage des ARD-Reporters unterbrochen.

Dabei hätte es jede Menge Fragen gegeben. Stand nach dieser Reportage nicht plötzlich und willkürlich wieder der Mensch im Zentrum des Universums? Macht die Evolution ihre Fehlerkorrekturen nach Absprache mit und oder notfalls über unsere Köpfe hinweg? Ist der Glaube an die Macht des einzelnen nicht eher 19. Jahrhundert? Kann man aus der Naturwissenschaft eine neue Gesellschaft ableiten? Gerhard Bott ging unterdessen mit den gelehrten Herren am kalifornischen Stränden spazieren. Die Kamera zeigte Seevögel. Später, als es hieß, das neue wissenschaftliche Weltbild sei frei von Ideologie, hätte der Reporter platzen müssen. Er platzte nicht. Herr Bott gab zu neuem Optimismus keinen Anlaß.

Auch die ARD stimmte einen eher pessimistisch. Nur 45 Minuten nahm man sich Zeit, um die Rettung der Welt zu verkünden: als Trendmeldung für Nachtschwärmer. Helmut Schödel