Das blutige Ende des Killers Pinzner bringt den SPD-Senat in Schwierigkeiten

Von Hans Jakob Ginsburg

Hamburg, im August

Nichts paßt so recht zusammen. Für alles aber gibt es Erklärungen. Eigentlich gibt es im Hamburger Polizeihochhaus keine Wartezimmer, aber irgendwann hat ein Beamter seiner Behörde einen angeschlagenen Couchtisch und eine mit tiefblauem Stoff bezogene Sitzgarnitur gestiftet. Die stehen nun vor einer Glastür, hinter der die Gemütlichkeit aufhört, nämlich vor dem verschlossenen Eingang zu den Räumen der Fachdirektion 65 ("Organisierte Kriminalität"). Wer hier Einlaß begehrt, klingelt und wartet darauf, daß einer der 45 Polizisten der abgeschotteten Abteilung die Glastür öffnet.

Hier saßen am Morgen des 29. Juli die Rechtsanwältin und die Ehefrau des geständigen 39jährigen Mörders Werner Pinzner. Ihnen öffnete kein Polizist, sondern der Staatsanwalt Wolfgang Bistry, der die beiden Frauen in ein Vernehmungszimmer geleitete, ohne daß ein Beamter Frau Pinzner durchsucht hätte. Sie hatte in ihrer Handtasche eine Pistole, die sie ihrem Mann zusteckte. Pinzner schoß den Staatsanwalt nieder, der am nächsten Tag an den Verletzungen starb. Zwei unbewaffnete Kriminalbeamte flohen aus dem Zimmer und verbreiteten die Nachricht, der Killer Pinzner habe Geiseln genommen. In Wirklichkeit erschoß Pinzner vor den Augen der Rechtsanwältin und einer Protokollführerin seine Frau, die vor ihm niedergekniet war, und anschließend sich selbst. Fünf Morde, begangen im Auftrag eines Bordellbesitzers an dessen Konkurrenten, hatte Pinzner gestanden: In Briefen und Gesprächen hatte er sich sechs weiterer Morde gebrüstet, ohne Details preiszugeben. Einem Berufskiller, den die Illustrierten nach seiner Verhaftung im Februar 1986 zum prominentesten Untersuchungshäftling der Republik gemacht hatten, war es gelungen, in einem von der Polizei besonders gesicherten Raum zwei Menschen und sich selbst zu erschießen. Hamburg hatte seinen Sicherheitsskandal.

"Zu diesem Kriminal- und Blutstück paßt nur eine Überschrift: Sicherheit in Hamburg", kommentierte das Hamburger Abendblatt; die Mordtat hatte dem Springer-Blatt zufolge tiefere Ursachen. Schwerverbrecher seien in den Augen der in Hamburg Verantwortlichen "Opfer der Gesellschaft", die man zu verwöhnen habe; immer wieder nutzten Mörder und Räuber die Großzügigkeit des sozialdemokratisch regierten Stadtstaates aus; der Hamburger Bürger aber, "der sich berauben und bestehlen lassen muß", lerne immer wieder, daß Justiz und Polizei ihn nicht schützen könnten, weil die Politiker ihn nicht schützen wollten.

Das lasen die Hamburger einen Tag nach Pinzners blutigem Ende. Die Meldungen der folgenden Tage lieferten den Verfechtern von Recht und Ordnung neue Munition: In Pinzners Zelle im Untersuchungsgefängnis fanden sich zwei gebrauchte Kokainspritzen, Frau Pinzner, erfuhr man, habe immer wieder ihren Mann besuchen können, ohne daß ein Beamter sie gründlich durchsucht habe; die Ermittlungsbeamten hätten den Killer geradezu als Kumpel behandelt, Staatsanwalt Bistry seinen späteren Mörder gar geduzt.

Hamburgs Senat reagierte auf die Vorwürfe mit einer Gelassenheit, die dem Volkszorn neue Nahrung gab. Zwar begann hinter verschlossener Tür eine staatsanwaltliche Kommission mit Ermittlungen; das aber war ein Vorwand für Polizisten und Justizbeamte, der Öffentlichkeit Details der Bluttat und ihrer Vorgeschichte zu verheimlichen. Alfons Pawelczyk, heute Zweiter Bürgermeister und als Innensenator 1982 Initiator der neugebildeten Fachdirektion zur Bekämpfung des Organisierten Verbrechens, forderte zwar in aller Öffentlichkeit personelle Veränderungen in der FD 65, um so das Vertrauen der Öffentlichkeit wiederherzustellen. Innensenator Rolf Lange, politischer Protegé Pawelczyks, brauchte freilich fünf Tage bis zu einer in unnötiger Dramatik einberufenen sonntäglichen Krisensitzung der Hamburger Polizeiführer, um dem Rat zu folgen: Der FD 65-Chef Wolf Plewka mußte mit dem Chef der Staatsschutz-Abteilung das Amt tauschen: keine Strafmaßnahme, aber doch die Ablösung des unmittelbar Verantwortlichen für die Sicherheitsmängel an der Glastür. Weil aber Lange und sein Polizeipräsident Dieter Heering den Eindruck vermeiden wollten, ein Kleiner werde gehängt, um die Großen, also sie selbst, zu verschonen, ergingen sie sich in Lobsprüchen für den versetzten Plewka.

Attacke der Konservativen

Ein unzureichendes Manöver offenbar. Hamburgs konservative Tageszeitungen forderten, weiterhin im Einklang mit der Hamburger CDU, den Rücktritt des Senators und des Polizeipräsidenten, eines früheren Gewerkschaftsfunktionärs, dessen Berufung in das Amt ein prominenter Hamburger Sozialdemokrat mit dem Argument verteidigte, mit Betriebsbesetzungen oder Arbeitslosenunruhen könne ein Polizeipräsident aus der Gewerkschaftsbewegung eher fertig werden als ein der Arbeiterschaft ferner Polizeichef.

Die meisten Bürger haben freilich andere Alltagssorgen als die Furcht vor militanten Arbeitskämpfen. Darum kommt die Attacke der Konservativen auf die Innen- und Rechtspolitik des Hamburger Senats nicht nur bei strammen Rechten an. In Hamburg weiß nahezu jedermann von unaufgeklärten Einbrüchen in seiner Nachbarschaft zu berichten, haben, für jeden sichtbar, krimineller Verbindungen stets verdächtige Halbweltfiguren rund um die Reeperbahn ihre Quartiere bezogen, erinnert sich schließlich jeder Leser der örtlichen Tageszeitungen an Kriminelle, die den erklärtermaßen liberalen Strafvollzug ausnutzten und auf Hafturlaub schwere Verbrechen begingen. Und die Berichte über klebrige Verbindungen zwischen Kriminalbeamten und Gangsterbossen liegen zwar Jahre zurück, wirken aber im öffentlichen Bewußtsein bis heute.

Mord aus eigenem Antrieb

Gerade weil es diese Verbindungen gab, wurde vor vier Jahren die Fachdirektion "Organisiertes Verbrechen" gebildet, in deren Räumen jetzt Pinzner das Blutbad anrichtete. Aktiv die kriminelle Szene bekämpfen sollten die 45 Beamten der Abteilung: verdeckt (also von den Verdächtigen unerkannt) ermitteln, mit Informanten aus dem Unterweltmilieu kontinuierlich zusammenarbeiten, bislang undurchschaubare Verflechtungen von Prostitution und Drogenhandel, Einbruch, Hehlerei und Schutzgelderpressung aufdecken. Polizisten aus anderen Dienststellen fanden böse Worte für die Kollegen von FD 65: Sie trügen die Nase zu hoch, seien materiell privilegierte Geheimniskrämer, arbeiteten oft zumindest am Rand des rechtlich Erlaubten.

Kein Wunder also, daß nach Pinzners Bluttat solche Kritik wiederauflebte. Kein Wunder aber auch, daß die Beamten der Fachkommission und ihre Vorgesetzten eine ganz andere Bilanz aufmachen: FD 65 habe es erst geschafft, den St. Pauli-Boß Schulz hinter Schloß und Riegel zu bringen, die kriminellen Machenschaften der Hell’s Angels aufzudecken und schließlich auch Pinzner und seinen Auftraggeber zu überführen – eine Liste, die sich fortschreiben ließe. Hier werde der Kampf gegen die gefährlichsten, am schwersten überführbaren, sozialschädlichsten Kriminellen geführt – von den qualifiziertesten, tüchtigsten Kriminalbeamten, was keiner zwar so sagt, viele aber glauben.

In dieser Abteilung arbeitete Tag für Tag der Staatsanwalt Wolfgang Bistry, der als Herr des Verfahrens gegen Pinzner in den Räumen der Fachdirektion häufiger zu sehen war als im Büro der Staatsanwaltschaft. Ein Strafverteidiger, der Bistry als Kontrahenten vor Gericht kennenlernte, beschreibt ihn als fähigen und umgänglichen Juristen, der die Verpflichtung des Staatsanwalts für das Wohl "seiner" Angeklagten ernst nahm und unter seiner Anklage verurteilte Delinquenten im Gefängnis zu besuchen pflegte. Ganz gewiß setzte Bistry auf Pinzner als Quelle weiterer Erkenntnisse über das organisierte Verbrechen: Hatte sich Pinzner zu weiteren Morden als den fünf bereits bekannten dingen lassen, vielleicht von bislang unbekannten Auftraggebern? Was wußte Pinzner über den Geldfluß in der Unterwelt, über Kokainhandel und überregionale Geschäftsbeziehungen der Bordellbesitzer? Wichtige Fragen, deren Beantwortung aus Bistrys Sicht Konzessionen an den Häftling Pinzner sinnvoll machten – Konzessionen, die Pinzner die Vorbereitung von Mord und Selbstmord erleichterten.

Niemand weiß, warum Pinzner sich gerade jetzt das Leben nahm – die Gelegenheit hatte er schon früher. Rechnete Pinzner zuvor etwa mit der Möglichkeit eines Ausbruchs? Setzte er vielleicht darauf, die Behörden, denen er große Enthüllungen über Hintermänner versprochen hatte, würden sich dankbar erweisen und ihn vor lebenslanger Haft schützen? Sicher ist heute, daß der angeblich rauschgiftsüchtige Pinzner wochenlang in der Haft keine Drogen nahm. Sicher ist, daß er kurz nach seinem ersten Geständnis ankündigte, Weihnachten werde er in Freiheit verbringen. Sicher ist auch, daß der Untersuchungshäftling Pinzner lange Zeit aus dubioser Quelle mit Nahrungsmitteln versorgt wurde. Daß diese Unterstützung aufhörte, muß er als böses Signal bewerte: haben. Daß Polizeibeamte davon sprachen, seine Vernehmungen näherten sich dem Ende, dürfte seine Hoffnung auf einen großen Deal mit den Ermittlern erschüttert haben. So wie Bistry auf weitere Aussagen des Häftlings Pinzner gesetzt hatte, so hatte dieser wohl gehofft, mit Bistrys Hilfe der Strafe für seine Mordtaten zu entgehen. Eine unsinnige Erwartung; als Pinzner das begriff – so vermuten viele, die den Mörder und das Milieu kennen –, verwandelte sich die Sympathie für den Staatsanwalt in Haß. Darum beging der Killer, der vorher stets leidenschaftslos Morde auf Bestellung ausgeführt hatte, vor seinem Selbstmord seinen einzigen Mord aus eigenem Antrieb.

Doch so möchten die Gegner des SPD-Senats die Tat nicht erklärt sehen. Sie wittern ein Wahlkampfthema und fordern den Rücktritt des Innensenators, der schon bei der sogenannten Einkesselung auf dem Heiliggeistfeld, am Tage nach der letzten Brokdorf-Demo, eine wenig glückliche Figur abgab. Damals verloren Hamburgs Polizei und ihre politische Führung die Sympathie der politischen Linken; jetzt verlieren Lange und die Polizei das Vertrauen der Rechten. Bürgermeister Klaus von Dohnanyi ließ sich am Tag seiner Rückkehr aus dem Urlaub den Fall Pinzner darstellen und verkündete, er werde Konsequenzen ziehen; das aber geschehe "nicht unter Zeitdruck". Er hat recht: Den Schaden für das Wahlergebnis der Hamburger SPD bei den Bürgerschaftswahlen im Herbst kann er kaum noch abwenden.