Elmar Pieroth spielte bis zuletzt va banque. Als der Berliner Wirtschaftssenator am vergangenen Dienstag nachmittag gemeinsam mit seinem Finanzkollegen Günter Rexroth in Berlin endgültig verkündete, der konkursreife Druckmaschinenhersteller Rotaprint erhalte eine weitere Kreditbürgschaft, da stellte er den Banken und dem Unternehmenswalter Gerd Weiland aus Hamburg noch einmal die bekannten Bedingungen. Die Kreditinstitute sollten vorab auf Forderungen in Höhe von mindestens zehn Millionen Mark verzichten und sich außerdem verpflichten, auch bei zusätzlichem Geldbedarf des Unternehmens auf eigenes Risiko einzuspringen.

Mit seinem Auftritt versuchte der Senator zwar wieder, den Banken die Verantwortung für die Sanierung zuzuschieben, doch intern handelte er sich damit nur Ärger ein. Mehrfach hatten sich Weiland und die Bankiers düpiert gefühlt, weil Pieroth öffentlich Dinge verkündete, die ihnen noch gar nicht bekannt waren. Und bereits am Montag hatten sie den beiden Senatoren in einer gemeinsamen Sitzung definitiv mitgeteilt, diese Forderungen aus einem Zehn-Punkte-Katalog seien so gar nicht zu erfüllen. Die Landesbürgschaft werde aber sofort benötigt, um die Liquidität der Firma zu sichern.

Damit war Pieroth im Obligo und ihm blieb dann auch keine andere Wahl, als noch einmal gut zehn Millionen Mark lockerzumachen. Andernfalls drohte nämlich der Konkurs von Rotaprint und damit nicht nur der Verlust von rund zwanzig Millionen Mark, die der Stadtstaat bereits in der Vergangenheit verbürgt oder als Förderung gezahlt hatte, sondern auch eine empfindliche Schlappe für die Wirtschaftspolitik des Senats. Mit einem Schlag hätten fast 600 Leute arbeitslos auf der Straße gestanden.

Trotz solcher Scharmützel könnte nun, nach wochenlangem Gezerre zwischen Senat und Banken, der dritte Versuch innerhalb weniger Jahre beginnen, das traditionsreiche Unternehmen zu sanieren. Die Firma, bestehend aus dem Ursprungsbetrieb Rotaprint GmbH in Berlin und den Töchtern Roto und Roto International, die im niedersächsischen Königslutter produzieren, ist hoffnungslos überschuldet. Allein bei den Banken steht sie mit rund fünfzig Millionen Mark in der Kreide, hinzu kommen ein Gesellschafterdarlehen des früheren amerikanischen Eigners Donald Snellman in Höhe von 22 Millionen Mark und weitere Lieferantenkredite. Erlöst wurden im vergangenen Jahr aber gerade noch 140 Millionen Mark mit etwas mehr als 1000 Beschäftigten in Berlin und Königslutter.

Dabei war Rotaprint einst nicht nur ein Firmenname, sondern geradezu Synonym für den Markt des einfachen, schnellen und billigen Kleinoffsetdrucks. Nicht nur die kleinen Lohndruckereien, sondern auch viele Industriebetriebe „rotaprinteten“ mit den Maschinen vom Format DIN A2 bis DIN A4 ihre Formulare für die Verwaltung. Mit den schnellen und unkomplizierten Geräten ließen sich Kleinserien flott abspulen. Noch bis Ende der siebziger Jahre wurden Gewinne in den Bilanzen ausgewiesen und ansehnliche Dividenden an die rund dreißig Familieneigner ausgezahlt.

Schon damals aber machte sich die Konkurrenz der Photokopierer deutlich bemerkbar. Rotaprint verlor erhebliche Marktanteile.

Doch Paul Albert Glatz, einer der Familieneigner und fünfzig Jahre lang Geschäftsführer, mußte erst 1982 zurücktreten. Er hinterließ seinen beiden Nachfolgern ein völlig desolates Unternehmen: Die Produkte waren nicht mehr konkurrenzfähig, Organisation und Produktion des Unternehmens befanden sich in einem unglaublichen Zustand und die Mitarbeiter waren völlig demötiviert. Der Umsatz des Stammhauses sank von 130 Millionen Mark im Jahre 1980 auf gerade noch 80 Millionen Mark 1985.