Wolfgang Amadeus Mozart: „Le Nozze di Figaro“

Bereits die ersten sieben Takte der „Sinfonia“ lassen aufhorchen: Das Presto scheint wirklich „schnell“ zu sein. Um so verblüffender die Zahlen: 4’ 05“ für Sir Neville Marriner. Da ist Sir Georg Solti mit 3' 50“ über sechs Prozent schneller, und selbst der gemütlich wirkende Sir Colin Davis ist mit 4’ 01 noch ein wenig flinker. Gerade der Vergleich mit Solti und Davis aber lehrt: Es gibt eine „innere“ Geschwindigkeit. Während Solti bereits in dieser „Sinfonia“ andeutet, daß er einen aggressiven „Figaro“ zu bieten hat, mit einem revolutionären Gestus, während umgekehrt Davis einen melancholischen Blick zurück auf die Zeit eines eher apollonisch-ausgeglichenen Mozart gestattet, zeigt diese neue Aufnahme den modernen Ansatz zur musikalischen Texttreue im Detail. Nicht, daß einer der anderen geschludert hätte – aber hier werden musikalische Figuren und Strukturen sehr prononciert ausgearbeitet, Dialoge zwischen Linien und Farben betont. Die dynamischen Vorschriften wie die rhythmischen Werte sind einen Hauch präziser befolgt, die Artikulation kommt mit Hilfe einer guten Digitaltechnik eine Nuance klarer heraus, die Instrumentalfarben sind um Winzigkeiten deutlicher voneinander abgehoben – das historische Spaltklang-Prinzip ist hier deutlich gegen ein ach so oft gehörtes romantisches Mischklang-System gesetzt. Das wird fortgeführt in den Vokalpartien – vielleicht am deutlichsten im Cherubino von Agnes Baltsa, dem man hier sehr schön den Bruch zwischen dem Knaben und dem jungen Mann in all seiner unausgegorenen Schwärmerei und dem Nicht-Wissen anhören kann. Vorzüglich auch die Susanna von Barbara Hendricks in ihrer Mischung aus keckem Selbstbewußtsein, historisch-subalterner Servilität und scheuer Naivität. Lucia Popp, die bei Georg Solti eine doch eher „reifere“ Gräfin gesungen hatte, gibt der Partie jetzt wieder die jugendlichunruhig fragenden Töne zurück (ein „Pfui“ hier für die Technik, die ihr die schöne Linie des „O mi rende il mio tesoro“ auf dem Spitzenton – T.46 – zerschnitt). (Raimondi, Popp, Hendricks, van Dam, Baltsa u. a., Academy of St. Martin-in-the-Fields, Leitung: Sir Neville Marriner; Philips 416 370) Heinz Josef Herbort